Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 24 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 373 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/9620171-9626621-9622063--0836-9622068- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
373 Mit kurzen Worten erzählt die Frau Professor später der treuen Minna alles, was sie in so kurzer Zeit erlebte, und als diese hierauf der Aöchin berichtet, wie und wo Frau Professor das fremde Rind gefunden, bewundern beide gleich sehr die engelgleiche, gütige perriii. Nach friedlichem Schlummer ist diese erfrischt erwacht und aufgestanden; die frohe Erwartung, daß ihr Gatte am Nachmittage heimkehrt, verleiht ihren Waugen eine liebliche Röte, ihre sanften Augen leuchten sonniger; Mariechen ist später aufgewacht und hat mit ihr gefrühstückt. Alsdann hat sie die lange nicht berührten Aisten, die, obgleich sie nach denl Tode ihres Töchterchens eine große Menge von Wäsche und Aleidungsstücken armen Müttern für ihre Ainder schenkte, noch reiche Vorräte bergen, eine ganze Ausstattung für ihr Pflegekind entnommen. Obgleich Mariechen ein Jahr älter ist, als ihr verstorbenes Aind war, war sie doch nicht größer und stärker. Die Stunden der Erwartung sind schnell vergangen; jetzt sind schon Weihnachtsferien, nach denselben soll Mariechen eine höhere Schule besuchen. Da ihr Gatte weder zärtliche Begrüßungs-, noch rührende Abschiedsscenen ain Bahnhofe liebt, zieht sie vor, ihn in ihren: traulichen heim zu einpfangen. Der wagen ist bereits zun: Bahnhofe gefahren, sie steht am Fenster mit höher schlagenden: Herzen, die Uhr rückt nur langsan: vorwärts, — da endlich biegt Pin wage:: un: die Ecke! Sie verläßt ihren Platz, tritt in den Vorsaal; mit fast jugendlicher Lebhaftigkeit eilen schnelle, leichte Schritte innner übe: zwei Stufen die Treppe hinan, sie öffnet die Thür des Vorsaals, und mit lauten: Iubelrufe fliegt die zarte Frau in die Anne ihres Gatten, — Mit glückseligen: Lächeln sich an ihn schmiegend, geleitet sie ihn in ihr Zinnner an den traulich einladenden Aaffeetisch. „Gott sei Dank, daß Du endlich wieder dahein: bist! wie langsan: schlich die Zeit dahin, und wie öde war es nur ohne dich!" sagte sie tief Atem holend. „Ulan sollte sich wahrlich in: Leben keine Trennung auferlegen, wenn diese nicht unbedingt erforderlich," giebt er ernst zurück, „wie habe ich mich nach Dir gesehnt, Dich überall vermißt!" Sein liebevoller Blick ruht unausgesetzt auf ihr; es ist die Freude des Wiedersehens, die srohe Erregung, daß er nun wieder dahein: ist, die sie heute so frisch, so jugendlich erscheinen läßt, den n:üden Zug un: Mund und Augen, den schwernn'itigen Ausdruck, den das schön geformte Antlitz seit des Aindes Tode sonst immer trägt, fast verscheucht. während sie plaudernd Aaffee trinken, beginnt es n:ehr und n:ehr zu dunkeln; auf ein Tischchen von kostbarer Florentiner Mosaik, das er soeben von Stroh- und Papierhüllen befreit, stellt sie den prachtvollen schweren silberi:en Lhanukahleuchter, ein teures Erbstück ihres Elternhauses; er zündet die kleinen Lichtchen an, und den feuchten Schinrmer in ihren schönen Augen gewahrend, ihre Lnrpfindungen teilend und ehrend, drückt er warm die kleine