Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 23 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 356 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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356 „Möge der Herr Sie segnen! Ihnen vertrauen wir gern unser Aind an," flüsterte er leise wie ein hauch. Sie faßte in festem Drucke die fieberheiße, abgezehrte Männerhand, die abgearbeitete kleine Frauenhand; dieser stunnne Händedruck ist ihnen der beredteste Dank, das feierlichste Gelübde, die sicherste Gewähr; sie sind überzeugt, diese Frau wird jederzeit treu über das Aind wachen und auch für dasselbe einstehen. „Wirst Du mir auch gern und freudig folgen, mein liebes Aind?" fragte sanft die Fremde feuchteil Blickes. „Du sollst oft Deine guten Eltern besuchen, Deine lieben Geschwister sollen oft zu Dir kommen," setzte sie herzgewinnend hinzu. Zwei weiche Ainderarine schlingen sich fest um ihren hals, ein kleiner rosiger Wund bedeckt ihre Wangen mit heißen Aüsien, die blauen Ailideräugen strahlen in hellein Glanz, bebende Lippen flüstern: „Ich habe Dich so lieb, Du schöne gute Fee." Diese lächelte dein Ainde gütig zu, uiid dann wendete sie sich wieder der Frau Aroneck zu. Darf ich mir noch Ihr Vertrauen erbitten, mir einiges aus Ihrem Leben zu erzählen." Die Tochter eines Lehrers, selbst Lehrerin, hatte Frau Aroiieck ihren Mann, den Buchhalter eines Handlungshauses kenneii 'und lieben gelernt Jahrelang genossen sie ein bescheidenes, durch die Ainder erhöhtes Glück, konnten bei Fleiß und Anspruchslosigkeit Ersparnisse zurücklegeir. Da fallierte vor drei Jahren das handlungshaus, und fast zu gleicher Zeit fing ihr Mann an zu kränkeln. Eine leichtere paffende Stellung zu finden, wollte ihnr trotz unablässiger Bemühungen nicht gelingen, die schleichende Arankheit machte rasche Fortschritte und ihn /eider ganz arbeitsunfähig. Alle Ersparnisse wurden aufgezehrt, die besseren, entbehrlichen Gegenstände albnählich verkauft, eine billigere, kleinere Wohnung wurde längst genonnnen; doch hatte sie bisher wenn auch mühevoll, noch imnrer den kranken Mann und die Ainder durch ihrer Hände Arbeit vor Mangel schützen können. Schlicht und einfach, mit Thränen in den arbeitsmüden, geröteten Augen, klang die Erzählung der heldenmütigen Frau, nun schloß sie mit den Worten: „Wenn, die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Da sandte Gott Sie, gnädige Frau, als guten Engel in unser Haus, und mit Ihnen zieht neuer Lebensmut in unsere Herzen!" Gerührt, erschüttert hatte die Frau Professor der Erzählung gelauscht; wie viel Liebe, Hingebung, Aufopferung, Entbehrung einer trefflichen Gattin und Mutter barg dieser ärmliche Raum in sich! Eine Arone auf das Haupt dieser Gattin und Mutter! -achte sie. „Gott, mein Gott, ich danke dir, daß du mir den Weg gezeigt, zu helfen und zu lindern," murmelte sie in tiefer Ergriffenheit.