Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 22 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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343 Wachsens Aleidchen, waren fast zierlich, von großer Sauberkeit; unter dem groben wollenen Tuche, welches das blonde Ainderhaupt schützend und wärmend unchüllte, bemerkte sie den langen, sorgsam geglätteten, mit kleiner blauer Schleife geschmückten Zopf; gewiß das Mädchen war braver Leute Aind, die Mutter fehlte ihm nicht. „Wie heißt Du, liebes Rind? Wo wohnst Du? Hast Du Litern, Geschwister?" fragte die Frau sanft weiter. Sie hatte das Rind bei der Hand genommen und schritt langsam mit demselben vorwärts. Die Kleine schien sich ein wenig bei denr milden Zuspruch zu beruhigen; noch bebte die Stimine in verhaltenem Schluchzen, als sie bescheiden antwortete: „Uuirie Rroneck, Rosengasse 4, -im Hofe eine Treppe. Zch habe einen kranken Vater, und die Mutter näht und stickt den ganzen Tag bis in die späte Nacht, und ihre Augen thun ihr oft so wehe," erzählte sie in abgerissenen Worten, oft von neuem Schluchzen unterbrochen. „Weiter, liebes Kind", drängte die Frau aufmerksam lauschend. Wie koinmst Du so spät allein hier her?" „Mutter wollte mich nicht schicken, aber die größeren Geschwister haben noch Schularbeiteil zu machen; ich bin mit meinen Arbeiten fertig und fürchte rnich nicht," berichtete Mariechen, crrrrutigt durch die sanfte Art der fremden Frau; „ich sollte dort erüben in der Villa eine Decke abliefern, die meine Mutter gestickt hat, die Dame war nicht zu Hause, so bek< m ich kein Geld; „ach", weinte sie wieder laut aus, „und ich sollte für das Geld Brot und andere Lebensrnittel mitbringen, da nrüsten wir jetzt hungern." Die Augen der Frau füllterr sich in tiefem Mitgefühl mit Thränen. „Gott, mein Gott, welches Glend," murrnelte sie leise vor sich hirr. Sie rrahnr ihr duftendes, feines Taschentuch und trocknete des von Thränen heiße, liebliche Ainderantlitz; sie steckte Mariechens fast erstarrte Hände in ihrerr Muff. Line Flut von Gedarrken wirbelte durch ihr Hirn. „Wir vorn Geschicke bevorzugten Menschen leben dahin, als n.üßte und könrrte es nicht anders sein, ahnungslos, welche Not in unserer nächsten Nähe herrscht. Wir geben von unserern Überflüsse, aber warurn kürnrnern wir urrs so wenig um das Wohl und Wehe unserer Bedürftiger!, darbenden Nebenmenschen. Wohlthaten spenden ist ja eines der ersten Gebote unserer heiligen Religion, Nächstenliebe üben, eine der schörrsten Tugenden, die wir Zuden besitzen! Warum hat nrein guter, edler Mann rnich in den Zähren des Glückes und der Trauer nicht darauf hingewieserr, selbst die Stätten der Armut auszusuchen, mich mit meinen eigenen Augen zu überzeugerr, wo Hilfe nötig? Vorzugsweise wir begüterten, vielberreideten Frauen rnüßten werkthätig Nächstenliebe üben, uns rricht genügen lassen, ein offenes Herz und eine offene Hand für unsere bedürftigen Mitmenschen zu haben, es bedarf vielrnehr eines offenen Auges, eines offenen Ohres!''