Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 22 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 344 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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344 „Sage, liebes Rind, ist dies alles auch wahr?" fragte die Frau uach kurzem Schweigen. Diese blauen, unschuldvollen Rinderaugen können nicht lügen, denkt sie, jedoch in großen Städten ist Vorsicht geboten. „Gewiß wahr, Dame, ich gehe ja in die Religionsstunde, und Amtier sagt, mir dürfen nie lügen," antwortete Amriechen freinu'itig, die schöne freundliche Frau ernst und zutraulich zugleich anbliekend. Aut dem Rinde an der Hand vorwärts schreitend, erinnert sich diese eines Gedichtes, das sie als kleines Schulmädchen gelernt: „Seht, was schleicht dort so alleine jammert dort in Frost nnd wind? 5cb’ ich recht im Mondeuscheine, )st's ein schinächtig, blasses Rind." wie eine Illustration zu dem Gedichte, das ihr als Rind Thränen entlockte, erscheint sie sich mit ADuiechen an der Hand, sie selbst ist die blasse Frau, der Gott ihr kleines wädchen genommen, und der ihr jetzt ein fremdes, armes Rind in den weg führt! „Sag', wie beißt Du?" — „wiliners Lotte". „Und wie alt?" — „Bin sieben Iabr", „wär's ein Wink vom lieben Gotte, „)ust so alt, wie Lottchen war." Und dann weiter: „Ach ich batte nur das Line, Und doch mußt' es von mir geh',:." Thränen verdunkelten wieder das seelenvolle Augenpaar der Frau. Ob ihr wann, der ihr so oft eine Gesellschafterin gewissermaßen aufzwingen wollte, wohl einverstanden sein würde, daß sie dieses liebe, kleine, freundliche Mädchen in ihr Haus und an ihr Herz nehmen, als ihr Megetöchterchen erziehen würde? Gewiß, sicherlich, er will stets, was üe will! „Reine voreiligen Entschlüsse!" warnt eine innere Stimme; „erst sehen, prüfen, dann handeln!" An der nächsten Ecke winkte sie einer Droschke, stieg mit dein Rinde ein, gab dem Rutscher leise einige Anweisungen, da und dort zu halten, wo sie Einkäufe zu nrachen wünschte, und sagte ihm die Straße, welche das Ziel ihrer Fahrt sein sollte. Der bärtige Rosselenker schüttelte verwundert den Ropf, die vornehme Frau mit dem Beltelmädchen zur Seite zu fahren; „Die reichen Leute haben ihre Schrullen", denkt er, „aber.die Dame sieht aus wie eine leibhaftige heilige." (Fortsetzung folgt.)