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Israelitischer Jugendfreund · 1897-01-01 · 22 (1897) · p. Seite 342

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
3 (1897)
Issue
22 (1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 342 (sequence 6)
Language
German
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312 Die Frau Professor. Eine Thanukahgeschichte von Regina Neißer. Die frühe Dännnerung eines klaren Dezembertages war hereingebrochen. 2luf dem israelitischen Friedhofe zu B. stand an einem kleinen Grabeshügel eine stattliche, schlanke Frau. Die edelschönen, noch jugendlichen Züge trugen in seinen Linien die Spuren schwerer Erlebnisse, schienen jedoch auch wiederzuspiegeln, daß eine große, starke und edle Frauenseele nach schweren Aämpfen und Ringen den Frieden und die Ruhe des Gemütes gefunden, die sanften braunen Augen waren leicht gerötet und erzählten in stummer Sprache, daß sie sich viel im Meinen geübt. Lange niochte die Frau in ernste Gedanken versunken gestanden haben, den Flug der Zeit nicht gewahrend, als ein leiser Frostschauer ihre zarte Gestalt erzittern ließ und sie an den Heimweg genmhnte. Sie hüllte sich fester in den schützenden, mit pelj gefütterten Mantel, strich wie liebkosend mit der feinen, zierlichen Hand über den kalten Marmorstein, der das kleine Grab, das ihr Liebstes barg, schmückte, warf noch einen letzten Scheideblick, einen stummen Gruß auf den teuern Hügel und verließ tief aufseufzend die geheiligte Stätte. Der Pförtner öffnete ihr mit tiefer, ehrfurchtsvoller Verbeugung das große schmiedeeiserne Thor und wagte bescheiden die Frage, ob er für Frau Professor eine Droschke holen dürfe; es sei kälter geworden, und Fran Professor habe so lange heute an dem Grabe geweilt, gewiß kalte Füße bekommen, sie könnte krank werden. Mit sanfter Freundlichkeit dankte sie dem alten Manne für seine Fürsorge, sie ziehe es vor zu gehen, und ließ eine reiche Geldspende in seine Hand und eben eine solche in die Büchse für die Armen gleiten, jeden Dank durch einen kurzen Gruß ablehnend. Bewundernde Blicke des alten Mannes begleiteten stets so auch heute die schöne, bleiche, gute Frau, die so oft an der Stätte des Friedens und des Gebets erschien. Der Blond sandte seine bleichen Strahlen herab auf die erstarrte Erde, tiefe Stille herrschte ringsumher; die Frau beschleunigte ihre Schritte, die leise im Schnee knisterten, es dunkelte mehr und mehr. Da horch! tönte es nicht wie leises Meinen hinter ihr? Sie wendete sich um und gewahrte ein kleines ärmlich gekleidetes Mädchen, das bitterlich weinte; vergebens bemühten sich die kleinen blaurot gefrorenen Hände die Thränen zu trocknen, immer reichlicher flössen sie. Die Aleine hatte die Frau erreicht. „Liebe, gute Dame, bitte, bitte, helfeil Sie mir, erbarmen Sie sich meiner," schluchzte sie; die bleiche Frau schien ihr Vertrauen einzuflößen. ,,Armes, liebes Aind", gab diese in rasch aufwallendem Mitleide zurück, „gern, wenn ich kann! Mas fehlt Dir? Mas hat man Dir zu leide gethan, daß Du so bitterlich weinst?" fragte sie sailft. Sie sah, die Aleine sei kein

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