Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 21 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 332 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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332 Das verzauberte Schloß. Ein wärchen von ID Ul). Taschek. In der Nähe der Stadt Bilin in Böhmen erhebt sich ein Oelsberg, Namens Borzen. Hoch ragt er in die Gegend hinaus und von seinem tnühsam erklonnnenen Gipfel genießt man eine schöne Aussicht. Laß dir nun erzählen! Dieser Fels war vor undenklichen Zeiten ein Schloß. Rings uni dasselbe breitete sich dichter Wald aus. Durch seine schattigen Gründe wand sich ein krystallhelles Wässerchen von säuerlichem Geschmack. Dasselbe quoll unter einem Steinblocke hervor, der große Ähnlichkeit mit einer in ein leichtes faltiges Gewand gehüllten weiblichen Gestalt hatte. Tiefe Einsamkeit herrschte ringsum. Selten nur ward hier der trauliche Waldfriede durch Jäger, Köhlersleute oder Irrende gestört, wer aber immer durch Absicht oder Zufall in die Nähe der Quelle sich geführt sah, versäumte gewiß nicht, aus ihr zu trinken, und es war keiner darunter, der sich rächt wunderbar erquickt und gestärkt fühlte. Es ging aber das Gerücht unter den Leuten, der über der (Quelle lagernde Stein fei einst von einem nächtlicherweile vorübergehenden Jäger vermißt worden; es sei schöner INondschein gewesen, und da habe der Jäger ganz deutlich sehen können, daß ein weibliches Wesen mit wallendem Haar und in schneeweißem Gewände in dem Wasser bade; auch habe er einen wunderbaren Gesang gehöit. Das müsse, sagten die Leute, eine Wassernixe gewesen sein. Und so wars auch in der That. wenn die stille Nacht ihre Fittiche über die Erde ausbreitete, und die Abendglocken, die von fern und nah in das Rauschen des Waldes herübertönten, verstummt waren, saß dort, wo vorhin der Stein gelegen, eine schöne Nixe. Sie breitete als Schutzgeist der Quelle ihre Arme über dieselbe aus und sang, indem sie ins Wasser stieg, ein Lied, das tief zu Herzen ging. In später Nachtstunde lagerte sie sich wieder über der Quelle, entschlief und ward abermals zu Stein.- Der Besitzer des Schlosses war ein reicher, durch seine rohen Sitten berüchtigter Graf. Eines Tages ritt er in Begleitung seiner Frau und ein zahlreiches Gefolge auf zur Jagd. Da gabs im Walde ein fröhliches Treiben — den Jagenden zur Lust, dem wild zum Leide! — In die tiefsten waldgründe drang der Halloh-Ruf der Jäger, Hirsch und Reh zur wilden Flucht aufscheuchend. Da wollte es der Zufall, daß der Graf und die Gräfin an der Quelle vorübersprengten. Bon Neugierde getrieben, stiegen sie von den Rossen, um den Ort näher in Augenschein zu nehmen. „Sieh," sprach der Graf zu seiner Gemahlin, „dieser Stein soll eine Fee sein, die zur Nachtzeit im Wasser ihr Wesen treibt. Raum glaublich, daß solch ein rauher Fels Menschengestalt annehmen könnte!" Bei diesen Worten führte er mit seiner Reitgerte einige kräftige Hiebe gegen den Stein, gleichsam uni sich zu überzeugen, ob Leben darin sei. Ls rührte sich zwar nichts —