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Israelitischer Jugendfreund · 1897-01-01 · 21 (1897) · p. Seite 324

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
3 (1897)
Issue
21 (1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 324 (sequence 4)
Language
German
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— 824 — Zum Glück rief die Schulglocke die Mädchen in ihre "Klaffe, so blieben (Clara wenigstens alle neugierigen fragen nach dem Grunde ihres Fernbleibens erspart. Ach, wie gern wäre (Clara zur Aufführung gegangen. Seit Wochen schon träunrte-sie schlafend und wachend von den „lebenden Bildern aus dem alten Testament" die zum besten einiger armen jüdischen Familien von zwei nrildthätigen Künstlern veranstaltet wurden. Die Aufführung versprach in der That großartig zu werden; die Bilder stellte Professor Halfter; ein berühmter Schauspieler sollte den verbindenden Text sprechen, und Frau Sehlers und Fräulein May, zwei der bedeutendsten Toncertsängerinnen Berlins, hatten die Sologesänge übernommen. Tiara hörte in der Religionsstunde viel von der Aufführung sprechen, ' und auch ihre jüngere Schwester Anna, die noch die Schule besuchte, erzählte zu Haus viel davon; war doch in ihrer Klaffe ein Kind, dessen Bruder den kleinen Zsaak in den lebenden Bildern darstellen sollte. Die beiden jungen Mädchen schwärmten im voraus von all den Herrlichkeiten, die den staunenden Zuschauern in den „Bildern" geboten werden sollten. Gern hätten sie sich Eintrittskarten gekauft, aber wie sollten sie das Geld für die beiden teuren Billets erschwingen? Sie waren auch viel zu vernünftig, um ihre Mutter überhaupt erst um die Erfüllung ihres Lieblingswunsches zu bitten, sie wußten ja selbst, daß es ihr beim besten willen unmöglich war, ihren Kindern ein derartig kostspieliges Vergnügen zu bereiten! Bei des Vaters frühem Tode war Frau Silberfeld, die überdies noch für ihre alte gelähmte Mutter zu sorgen hatte, völlig mittellos mit sechs Töchtern zurückgeblieben; wirkliche Bot hatte die Familie noch nie gelitten, denn die fleißige Mutter hatte auch ihre Kinder von frühester Zugend an zur Arbeit angehalten; schon als Schulkinder halfen sie bei den Knüpf- und Näharbeiten, die Frau Silberfeld für ein großes Geschäft lieferte. Auch später erwarben sie sich ihren Unterhalt durch Handarbeiten aller Art, da ihre Mutter nicht haben wollte, daß sie Stellungen in Geschäften oder Familien annähmen; die zärtliche, durch viele Schicksalsschläge ängstlich gewordene Frau wollte ihre Mädchen gern bei sich unter ihrer sorgfältigen, mütterlichen Obhut behalten. Trotzdem alle Töchter geschickt und fleißig waren, war der Verdienst doch nnr gering; da hieß es sparen und sich bescheiden lernen, für Vergnügungen hatten sie keinen Pfennig übrig. Die Religionsstunde war zu Ende, als (Clara aus der Neuen Friedrichstr. in die Klosterstraße einbog, sprangen zwei junge Mädchen lachend auf sie zu, es waren ihre Schwestern Grete und Anna, die sie von der Stunde abholten, um ein Stündchen mit ihr spazieren zu gehen. So unermüdlich auch bei Silberfelds gearbeitet wurde, am Sonnabend durste keine Nadel angerührt werden; da gab es außer dem Besuch des Tempels stets noch irgend eine kleine Abwechselung, einen Spaziergang, für die größeren Mädchen den Besuch der Museen, ein gutes Buch, das freundliche Leute ihnen geliehen, ein

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