Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 20 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 312 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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812 Henriette Herz. Zu ihrem fünfzigsten Todestage, den 22. Oktober 1897. Für die reifere Jugend. Von Regina Neisser. (Schluss.) In den für Prsussen so unglücklichen Kriegsjahren 1806/7 wurde weder ihre kleine Pension aus der Witwenkasse ausgezahlt, noch gingen ihre Zinsen ein. Der Graf von Pohna-Schlobitten, ein langjähriger Freund ihres Hauses, machte ihr um jene Zeit einen ehrenvollen Ileiratsantrag, den sie jedoch ablehnte, da sie sich nicht entsehliessen konnte, so lange ihre strenggläubige Mutter noch lebte, ihre Religion zu verlassen. Auch auf die ihr 1809 von Delbrück, dem Erzieher des Kronprinzen, späteren Königs Friedrich Wilhelm IV, angebotene glänzende Stellung als Erzieherin der Prinzessin Charlotte, späteren Kaiserin von Russland, musste sie aus diesem Grunde verzichten. Mit Madame Campan, der Vorsteherin des berühmten Erziehungsinstitutes zu St. Gyr angeknüpfte Unterhandlungen, die Erziehung einer Nichte Joachim Muruts, des Schwagers Napoleons, des späteren Königs von Neapel zu übernehmen, scheiterten ebenfalls, da sie die Bedingung, ihren Glauben zu wechseln, nicht erfüllen konnte und wollte. Sie lebte einige Zeit in Rügen und bei einer verheirateten Schwester in Prcazlau. Als sie nach Berlin zurückkehrte, hatten sich die Verhältnisse gebessert, und in der grossen, erhebenden Zeit der Befreiungskriege zeichnete sie sich durch eifriges Wirken für das allgemeine Wohl aus. Nachdem ihre Mutter, der sie stets als liebende und treulich fürsorgende Tochter zur Seite gestanden hatte, gestorben war, trat sie im Juni 1818 zum Christentume über. Dieser Schritt erregte in Berlin so grosses Aufsehen, dass Henriette, um dem Gerede zu entgehen, nach Italien reiste; dort verkehrte sie viel im Hause der Gemahlin Wilhelm von Humbolds, welche, während ihr Gatte in London als Gesandter weilte, sich mit ihren Töchtern Karoline und Gabriele zwai Jahre in der ewigen Stadt aufhielt; dort erwies der kunstsinnige aber exentiische Kronprinz Ludwig von Bayern der noch immer sehr schönen Frau Herz grosse Aufmerksamkeit. Das Alter dieser in ihrer Jugend so viel gefeierten Frau war nicht frei von Sorgen. Der geistig belebte Kreis, der sie einst umgab, verliess sie immer mehr, und am schmerzlichsten empfand sie, nicht mehr so mildthätig sein zu können, wie in früheren Zeiten. Als ihre Mittel ihr nicht mehr gestatteten, Geld zu geben, speiste sie arme Soldaten und unterrichtete junge strebsame unbemittelte Mädchen, besonders in fremden Sprachen, denen sie später Stellung als Erzieherinnen verschaffte. Als ihr treuer Freund Alexander von Humboldt von ihrer bedrängten Lage