Mannheim
Compact Memory

Israelitischer Jugendfreund · 1897-01-01 · 20 (1897) · p. Seite 308

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
3 (1897)
Issue
20 (1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 308 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9620171-9626621-9621995--0767-9621999
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

308 XII. Kapitel. Vex 'gtcffc. Am anderen Klötgen, so früh, als er es eben für schicklich hielt, begab sich Hochfeld zu Herrn Goldstein. Es kostete ihn viel Überwindung, ruhig zu bleiben. Almas Pflegeeltern begrüßten ihn mit ernstem Gesichte. Auf Befragen erklärten sie, Alma sei nicht ganz wohl, sie müsse das Zimmer hüten, ihr Zustand sei aber nicht besorgniserregend. „Das liebe Mädchen hat sich gestern zu sehr aufgeregt, und diese heftige Gemütsbewegung hat etwas nachteilig auf sie gewirkt," erklärte mit teilnehmender Stimme Frau Goldstein. Dann begann Herr Goldstein: „Nun, lieber Freund, erzählen Sie uns, — wenn wir es wissen dürfen, was das Schriftstück enthält." „Meine Lieben," hob Hochfeld an, „ich habe das Vermächtnis einerschwer geprüften Frau gelesen. Ich will Ihnen die Einzelheiten nicht erzählen, sondern Sie bitten, selbst das Schriftstück durchzulesen. Nur dies will ich Ihnen in dieser Stunde schon eröffnen: Ich bin nicht der Sohn derjenigen, die ich bis heute Klutter genannt habe. Diese hatte eine aus Amerika heimgekehrte Frau bei sich aufgenonnnen, welche ein kleines Kind, einen Knaben, mit sich führte. Dieser Knabe war ich. Während meine leibliche Mutter an der Tholera plötzlich verstarb, nahm mich die Frau, welche die Unglückliche beherbergt hatte, in Pflege und Obhut." hierauf wandte sich Hochfeld an Frau Goldstein mit den Worten: „Erinnern Sie sich einer Schwester, die vvr langen Jahren nach Amerika auswanderte?" Bei diesen Worten sah die Frau den Fragenden mit sich immer steigerndem Staunen an. Immer lebhafter schienen längst vergessene Dinge in ihrer Erinnerung wieder aufzusteigen, und immer fester faßte sie den vor ihr stehenden Hochfeld ins Auge. Dann erhob sie sich plötzlich mit dem Ausrufe: „Mein Gott, so wären Sie, so wärst Du, der Sohn meiner Schwester, mein Neffe," und dem Angeredeten die Hand darreichend, fuhr sie liebevoll fort: „Ja, es kann nicht anders sein, Deine Züge erinnern mich jetzt immer lebhafter an die teure Amalie, die seit ihrer Auswanderung nach dem fernen Erdteile nie wieder ein Lebenszeichen von sich gegeben hat. O, erzähle mir Näheres aus ihrem Leben!" „Gern, liebe Tante," entgegnete Hochfeld, und er erzählte der aufmerksam Lauschenden all das, was die Mutter Almas über das Lebensschicksal seinereigenen Mutter niedergeschrieben hatte. heiße Thränen rollten über die Wangen der guten Frau, als sie die Mitteilung vernahm. Als er geendet hatte, riefen Onkel und Tante wie aus einem Munde: „Arme Amalie!" Und Herr Goldstein, der bisher schweigend zugehört hatte, schloß Hochfeld

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.