Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 19 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 302 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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302 wohnlichen Sprachkenntnisse und ihrer seltenen Herzensgüte so viel gefeierte Henriette Herz im Alter von 83 Jahren zum ewigen Frieden einging. Henriette wurde als die älteste Tochter eines aus Portugal eingewanderten jüdischen Arztes Benjamin de Lemos, der sich rasch einer grossen Praxis in der preussischen Residenz erfreute, am 5. September 1764 zu Berlin geboren. Die kleine Henriette wurde vermöge ihrer Schönheit, als die Prinzessin Amalie, die Schwester Friedrich des Grossen, die Laubhütte eines der reichsten Juden Berlins besichtigte, als schönste Zierde des kleinen prächtig geschmückten Raumes vorgefühlt. Die Prinzessin überhäufte das schöne Kind mit Liebkosungen; ebenso wurde Henriette später der anderen Schwester Friedrichs des Grossen, der Königin Ulrike von Schweden bei einer jüdischen Hochzeit vorgestellt. Mit 9 Jahren spielte sie öffentlich Klavier und wirkte in einer Menuettaufführung mit; durch den Beifall, den sie fand, wurde jedoch der Hang zur Eitelkeit in ihr genährt, und da ihre braven Eltern ihre Kinder einfach und patriarchalisch erziehen wollten, beschlossen sie, das frühreife, schöne Mädchen, welches schon während der Schulzeit die Bewunderung der männlichen Jugend Berlins erregte, gar nicht mehr in die Schule zu schicken und sie zu Hause unterrichten zu lassen. Der geistvolle Vater übernahm selbst zum grossen Teile den Unterricht, und bildete die Tochter, welche frühzeitig grosses Sprachtalent zeigte und sich mit Leichtigkeit fremde Sprachen zu eigen machte, fast zu einer Gelehrten. Henriette war noch nicht dreizehn Jahre, als der sehr geachtete Arzt Markus Herz, einer der geistreichsten Männer Berlins, ein Lieblingsschüler des grossen Philosophen Kant, um sie anhielt, und das kindliche schöne Mädchen wurde die Braut des um fünfzehn Jahre älteren Mannes. Ihre Brautzeit war für das junge lebhafte Mädchen keine sehr freudenvolle Zeit, sie musste jeden Abend zusehen wie ihr Bräutigam mit ihren Eltern Karten spielte. Am 1. Dezember 1779 fand ihre Hochzeit statt. Ihre Ehe mit dem kleinen und hässlichen Dr. Herz nannte sie selbst stets „ein glückliches Verhältnis.“ Sie war ihm stets eine liebevolle Gattin und machte ihn sehr glücklich, während er ihr Lehrer und Erzieher wurde und sich der Huldigung freute, die man der schönen, geist- und gemütvollen Frau in so reichem Masse darbrachte. Den Schmerz, keine Kinder zu besitzen, lernte sie überwinden, indem sie herzlichen, freundschaftlichen Verkehr mit liebenswürdigen, hochbegabten Menschen pflegte, und sich eifrig mit Kunst und Litteratur beschäftigte. Markus Herz aber konnte durch sie sein Haus zum Sammelpunkte der guten Gesellschaft Berlins