Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 19 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 303 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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303 machen. Vor hundert Jahren standen die hervorragendsten Männer Berlins, die Träger der glänzendsten, klangvollsten Namen in lebhaftem Verkehr und innigen Beziehungen zu dem Herz sehen Ehepaare. Staatsmänner, Schriftsteller, Gelehrte, Künstler, kein ausgezeichneter Mann kam nach Berlin, der nicht strebte, im Salon Herz eingeführt zu werden; der Philosoph Engel, der Dichter Rammler, die Brüder Schlegel, Mirabeau, der Held der französischen Revolution, der Schweizer Johannes von Miillbi, der Begründer der Singakademie Zelter, der berühmte Bildhauer Schadow u. a. m. Der spätere Staatsrat Knuth, der Erzieher der Brüder AVilhelm und Alexander von Humboldt, führte Frau Herz seine Zöglinge zu, und die Freundschaft dieses seltenen Bruderpaares zu ihr erlosch erst mit dem Tode; während Wilhelm ihre vollendete, klassische Schönheit, ihre majestätische Haltung bewunderte, fühlte sich Alexander noch mehr durch ihren Verstand und ihr unermüdliches Streben, ihr Wissen zu bereichern, angezogen. In sehr vertrautem freundlichen Verhältnisse stand der berühmte Theologe Schleiermacher zu dem Herz'sehen Ehepaare, so dass man allgemein annahm, er würde nach dem frühen Tode des Dr. Herz die schöne Witwe heiraten: doch hat beiden dieser Gedanke fern gelegen, die innigste Freundschaft verband sie bis zu Schleiermachers Tode 1834. Als Markus Herz 1803 starb übte der Tod des trefflichen Mannes einen tiefen Eindruck auf seine Gattin aus. Ihr Leben erfuhr nun einen bedeutungsvollen Umschwung; ungeachtet seiner grossen Praxis hinterliess Dr. Herz kein Vermögen, und Henriette war fortan auf eine kleine Pension aus der Witwenkasse und die geringen Zinsen eines unbedeutenden Kapitals angewiesen; ausserdem hatte sie noch für ihre alte blinde Mutter und eine unverheiratete Schwester zu sorgen. Der Blick in eine sorgenvolle Zukunft drückte sie nieder, und freudig leistete sie dem Wunsche der edlen Herzogin Dorothea von Kurland, der Verehrerin des grossen Philosophen Moses Mendelssohn, Folge, deren Tochter, die spätere schöne Herzogin von Sagan, in der englischen Sprache zu unterrichten. Hieraus erwuchs ihr nicht nur eine Einnahme, sondern sie genoss auch noch den Vorzug, mit der feinsten, geistreichstem Gesellschaft, den Spitzen der Aristokratie nun bekannt zu werden, und sie gewann die Freundschaft der trefflichen Fürstin Luise Radziwill, der Nichte Friedrichs des Grossen. (Schluss folgt.)