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Israelitischer Jugendfreund · 1897-01-01 · 19 (1897) · p. Seite 299

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
3 (1897)
Issue
19 (1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 299 (sequence 11)
Language
German
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— 299 — Unter lautem Aechzen und stöhnen sagte der Vorbeter jeden Satz einzeln vor, und das Toncert andächtiger Akänner und Weiber, Väter und 21Tutter schrie, weinte, klagte und jammerte in der gleichen Tonart demselben nach. Von der „weiberschul" drangen Schmerzenstöne und herzbeklennnende An- und Ausrufe durch den dichterfüllten Raum, wenn es zu Stellen kam, wie: „Sende gründliche Heilung den Aranken!" — „habe Erbarmen mit unseren Säuglingen und Rindern!" — „Gewähre uns ein gutes Iahrl" — „Verzeichne uns in das Buch zürn glücklichen Leben!" Aut diesen Einzelbitten war auch das Frühgebet, Schachris, beendet. Noch ein munterer Aadisch nach selbstgeschaffener Sangweise und der Vorbeter schlug das Talis vom Haupte zurück und verließ schweißgebadet, jedoch mit gehobenem Selbstbewußtsein und stolzem Frohgefühl den Grnid, das Betpult, das nahe der heiligen Lade etwas vertieft angebracht war, weil es irr einem Pfalmuers heißt! „Aus den Tiefen rufe ich, Ewiger, Dich an!" Ein lautes, vielstimmiges Iejascher Roach „Gott kräftige dich", zollte dein Vorbeter für seine Leistung die wohlverdiente Anerkennung und den Tribut des Dankes, die dieser freudig entgegennahm. In der weiberschul beglückwünschten alle Frauen die Gattin des Vorbeters mit den Morten: sie solle diesen bis hundert Jahr hören. Der Vorbeter mußte verheiratet sein; ein lediger Mann durfte an den heiligen Tagen weder vorbeten noch in Schul zur Thora gerufen werden. Der Schofar mahnt fast sämtliche Erlebnisse und Erinnerungen Israels. Deshalb zählt das Schofarblafen auch zu den weihevollsten Gebräuchen des Rosch-Haschonotages. Im Ghetto wurde diese Handlung immer mit einer Drascha, einem Vortrag über die Bedeutung und Wichtigkeit des Schofar, eingeleitet. Der Baal Tokea, der Schofarbläser, mußte, nebftdern daß er die unerläßliche Fertigkeit in der Handhabung des Schofars besaß, als auch religiös und sittlich unbemakelt anerkannt sein. Mussaph, dem Wortsinne nach „Zugabe", „Vermehrung", ist das eigentliche Festgebet, das an die Stelle der einstigen Festopfer getreten ist. Mussaph vorzubeten blieb das unbestrittene Vorrecht des beamteten Thasan; damit konnte er auch seine Meisterschaft im Vortrage wie im Gesänge erweisen. Mit gegenseitigen wünschen, man möge sich alles Gute erbeten haben, kehrten nach Schluß des Gottesdienstes Mann und Weib in ihr heim zurück und begaben sich an den mehr oder minder wohlbesetzten Tisch, an dem auch meistens ein zugereister Armer, ein Mrach, Gast, sein Plätzchen einnahm. Ein Mittagsschläfchen gestattete sich am ersten Roschhaschonotage weder ein Mann noch eine Frau. Die meisten hielt davon der Glaube zurück, daß man da durch sein Glück verschlafe, was jeder fürchtete. Den Männern gebrach es auch an Zeit dazu; denn bald begann in Schul das Thillinffagen, das Lesen der Psalmen.

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