Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 19 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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298 bchul an und harrten daselbst geduldig aus, bis die schmetternden Klänge ihr Ohr erreichten. Dann aber jagten sie alle vom Hunger getrieben nach Hause. Ucänner, Jünglinge, halbwüchsige Knaben, zahlreicher noch die Beterinnen der weiberschul drängten sich aus den Schulpforten. Der Gottesdienst in Schul erlitt aber dadurch keinen Abbruch. Gr hatte am Worgen früh begonnen. Einer der Baalbatim, Familienhäupter, leitete Schachris, die Frühandacht ein. Die Borbeter des Schachris waren stimmbegabte, fachkundige Ucänner, die es verstanden, die Jahrhunderte alten INelodien in herkonunlicher weise, rein, unverfälscht, wohltönend und herzbeklennnend vorzutragen. Doch nur bei gewissen, bevorzugten Gebetstücken war es Pflicht, sich an diese Uberliefung zu halten. Neben denselben gab es noch zahlreiche Hymnen, bei denen die Wahl der UÜelodie völlig freigegeben war, die sie daher nach selbstgeschaffener Komposition vortrugen. Es war keine kleine Ehre, ein anerkannter Baal Tefillah, Borbeter, zu fein. Es war dies ein vielbeneidetes, vielmnworbenes, oft auch vielbestrittenes Ehrenennt, wer der glückliche Besitzer eines solchen durch drei Jahre ununterbrochenen gewesen war, der besaß ein bleibendes Anrecht, Ehafakah, darauf. Er behielt es dann durch sein ganzes Leben und konnte ihm das nimmer streitig gemacht werden. Noch auf Grabsteinen konnte man lesen, daß der Schläfer unter diesem Grabhügel solch eine würde inne hatte. Es bot die verläßlichste Gewähr, daß der Entschlummerte ein guter, tadelloser Ucensch, ein fronuner, gesetzestreuer und gesetzeskundiger Jude gewesen war; denn nur ein solcher konnte die Heizen rühren und zur Andacht stimmen und für den Glauben erwärmen. In schneeweißen Sterbekleidern, dem Leinwandkittel, ein weißes mit Gold oder Silber betreßtes Käppchen auf dem Kopfe, im wolltallis eingehüllt, der auch das Haupt bedeckte, so standen sie da, die priesterlichen Gestalten. Ulit welcher Zerknirschung, Demut und Inbrunst riefen sie den Himmel um Kraft und Beistand für ihre Aufgabe an, daß ihnen die Stimme nich^ versage, daß sie heil erwirken ihrer Gemeinde und daß ihre wünsche und Bitten vor den Gottesthron gelangen und Erhörung nnd Gewährung finden mögen. 2.1 cit Seufzern und Thränen war dieses Borgebet sattsam gewürzt; die Hände gefaltet gen hinunel erhoben, den Kopf zurückgebeugt, die feuchten Augen zur höhe gerichtet, riefen sie markerschütternd: „was sind wir, und was ist unser Leben?" Eine weihevolle, feierliche Stimmung bemächtigte sich der Hörer, die ihren Höhepunkt jedoch erst am Schlüsse erreichte, wenn die Einzelbitten zum Bortrage kamen, von denen jede mit Owinu UÜalkenu, „Unser Bater, unser König," beginnt. Kein Auge blieb dabei thränenleer. Jede Taste des Herzens geriet in zitternde Bewegung und jeder Satz traf eine Saite des Innern, die wehnmtsvoll erzitterte und ertönte.