Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 19 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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293 Das Mädchen wandte wie erinüdet das Haupt, erhob sich langsam und kam auf den Rufenden zu, der sie in seine Arme schloß. So standen beide eine Meile schweigend da, mit ihren Gedanken beschäftigt. — Dann blickte Alma mit ihren thränenfeuchten Augen zu ihrem Bruder auf und sprach schmerzlich bewegt: „Albert, das grausame Geschick hat mir plötzlich eine sehr schwere Prüfung auserlegt." Verwundert schaute Hochfeld auf Alma. Dann sprach er: „Was nennst Du eine schwere Prüfung? Ist Dir nicht in mir ein Bruder gegeben worden, den Du schon „freund" genannt hast? And ward mir nicht in Dir eine gute Schwester beschieden? Muß dies nicht uns beide hoch beglücken?" „freilich," entgegnete Alma, „doch ist mir auch gleichzeitig köstliches genommen worden. Mir wurde das herrliche Bewußtsein geraubt, die Tochter guter, lieber Eltern zu sein. Statt mich das Aind jener teuren, alten Leute nennen zu dürfen, die Gott schützen und sckirmen möge, bin ich, ach, nur deren Pflegekind, ein Findling, den sie aus Menschenfreundlichkeit bei sich aufgenonnnen, dessen sie sich aus Gnade und Barmherzigkeit angenommen haben. Während ich bis heute jeden Beweis von Liebe und Zuneigung als etwas Selbstverständliches, in dem Verhältnisse der Eltern ihrem leiblichen Ainde gegenüber begründetes erblickte, muß ich von nun an jede Zärtlichkeit als eine Gnade und Barmherzigkeit aufehen, worauf ich keinen Anspruch machen kann, und wofür ich daher doppelt dankbar sein nmß." „Auäle Dich doch nicht mit solchen Gedanken, liebe Alma; sie ändern nichts an den einmal bestehenden Thatsachen. Auch thust Du Dir selbst und Deinen guten Pflegeeltern Unrecht. In Deinem Verhältnisse zu ihnen wird keine Wandlung eintreten. Diese Versicherung hast Du doch heute selbst aus dem Munde Deines Pflegevaters vernommen. Und unser Verhältnis zu einander — nun, dasselbe Geschick, das Du soeben grausam genannt, es hat auf' unfern Lebenspfad einen Lichtstrahl geworfen!" „Albert, sage, was ist geschehen?" ries das gespannt lauschende junge Mädchen. „Freue Dich, denn wir brauchen uns nun vielleicht nie wieder zn trennen." „Ich verstehe noch immer nicht, was Du meinst," sagte Alma jetzt ungeduldig. „Nun, so höre. Soeben hat mir der Herr Vorsteher Rosenheim den so ehrenvollen Antrag gemacht, der Nachfolger Aronheinis zu werden, und ich habe diesen Antrag angenommen." Da zog über das Antlitz des Mädchens ein Heller Freudenschein, und sie sprach: