Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 18 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 283 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Gesellschaftliches Leben in Bibel und Talmud. Von D>'. A. Rosenzwcig-Berlin. Das gesellschaftliche Leben erstreckte sich in den ältesten Zeiten auf den Familienkreis. Ein ausgedehnterer Verkehr entwickelte sich erst unter dem Einflüsse der Königsherrschaft und dann später durch das Vordringen der griechischen Kultur. Zu dein Familienkreise gehörten auch die Sklaven, — Sabbathruhe und Festesruhe galt auch ihnen, gleichwie den Gliedern der engeren Familie, i Außer dem Hause fanden sich die Männer in den Thoren der Stadt ein, woselbst ein größerer Zusannnenfluß von Menscheil zu erwarten war; dort sammelten sich die Männ.r am Abend, um von der Tagesarbeet aus- ' uruhen; dort saßen die Alten und tausch len ihre Lebenserfahrungen aus und ■ ihnen lauschten die Zungen, der Muße sich freuend, Kurzweil treibend, auch gelegentlich bösen Stadlklatsch verbreitend. Auch in der breiten Straße des Grtes simden sich Männer zusanmien; dort spielten die Rinder unter den Augen der Greise und Greisinnnen; dort erscholl die Zubelstimme des Dankes; . dort sammelten sich zuweilen auch Frauen und Rinder, um den Worten der Lehre zu lauschen. Besuche freundlicher oder rein geselliger Natur waren selten; nur freudige, : auch traurige Veranlassungen führten Nachbarn und Freunde zusannnen. Größere Festlichkeiten, die mit einem Trinkgelage verbunden waren, wurden zur Feier freudiger Ereignisse veranstaltet, so bei der Ankunft lieber Freunde oder vornehmer Gäste, bei der Entwöhnung, bei der Beschneidung, , bei der Vollendung eines Hauses, gelegentlich der Ernte, der Schafschur und ck und Weinlese und bei hochzeitsseierlichkeiten. Braut und Bräutigam zu erfreuen, galt als religiöse Pflicht, Gott selbst, in dessen Wohnung die Freude |: weilt, erfreut sie; daher sahen auch anerkannte Lehrer es als verdienstliche h Handlung an, vor Braut und Bräutigam mit Myrthenzweigen geschmückt l umherzutanzen. Krankenbesuch wird im Talmud als pflich der Menschenliebe und des Gottesgesetzes empfohlen. Das Wort der Schrift: „Thue ihnen kund den Weg, den sie gehen sollen", bezieht sich nach einer Deutung auf den Krankenbesuch — Gott selbst besucht die Kranken, folge ihm! Als König hiskia krank darniederlag, sprach Gott zu dem Propheten Jesaja l Gehe hin, besuche den kranken König! Kranke besuchen gehört zu jenen religiösen Handlungen, deren Früchte schon hier genossen werden, deren Kern aber für die Ewigkeit bleibt. Kranke besuchen bringt heil der Welt. Auch heidnische Kranke be-; suche man. Wer Kranke besucht, wird von dein Gehinnom errettet; wer j aber diese Lebenspflicht unterläßt, macht sich der Sünde des Blutvergießens