Mannheim
Compact Memory

Israelitischer Jugendfreund · 1897-01-01 · 18 (1897) · p. Seite 278

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
3 (1897)
Issue
18 (1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 278 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9620171-9626621-9621961--0735-9621967
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

278 und die Wonne in Herz und Haus gezogen, wein kleines Töchterchen, ein süßes, herziges Rind, war wenige Wochen nach seiner Geburt plötzlich einer schweren Krankheit verfallen und starb. Diesen Verlust konnte ich nicht ertragen, nicht verschmerzen. Ich vermochte nicht, mich in Gottes willen zu fügen, ich war der Verzweiflung nahe. Da drangen auf mich jene Ereignisse ein, von welchen ich Dir soeben Mitteilung gemacht habe. Noch stehen die Einzelheiten jener furchtbaren Katastrophe so klar vor meinen Augen, als seien sie erst vor einer stunde vor sich gegangen. Als ich Dich aus den Händen meines wannes entgegen genommen hatte, als ich darauf dein leises wimmern vernahm und Dir in die lieben, munteren Augen schaute,--da wurde ich an das verlorene gemahnt, das ich in die kühle Erde gebettet hatte. Als ich dann Deine kleinen Lippen auf den meinigen fühlte, als ich das sammetweiche Händchen erfaßte, da kam mir der Gedanke, daß gewiß Gott sich meiner erbarmt und mir das Genommene wiedergegeben habe. Eine stunde später lag ich im Bette und hielt Dich, der ich fortan die aus so entsetzliche weise verlorene Wutter ersetzen wollte, im Arnu Das Schlafzimmer zeigte wieder dieselbe Einrichtung, die es bei Lebzeiten nreines verlorenen Töchterchens gehabt. Ich hatte Dir die Gewänd.r der mir Entrissenen angelegt, und — o welches Wonnegefühl durchströmte mein Inneres — mein Arm umschlang wieder ein schlafendes Kind, ein liebes, süßes, zartes Wesen, dessen Wange an meiner Brust lag, dessen Herzschlag ich fühlen konnte. Ich dankte Gott für seine große Gnade und Barmherzigkeit, die er mir bewiesen. indenr er mir, wie ich im Glücksrausche in diesen Tagen wähnte, in Dir die Seele der verstorbenen wiedergegeben. Du erhielst unseren Nanien und wurdest Alma genannt, wie die verstorbene geheißen. Bei all dem Glücke aber, das ich in dieser Zeit empfand, konnte ich mich des Furchtgefühls doch nicht erwehren, Du könntest uns wieder genonunen werden. Ja, es kamen Augenblicke, in denen ich Dich als ein unrechtmäßiges Gut betrachtete, an dem vielleicht Näherstehende größere Rechte geltend zu machen haben. Wohl waren alle Spuren sorgfältig verwischt worden, um ein Aufdecken des Geheinmisfes, das Dich umgab, uninöglich zu machen, doch wer vermag etwas gegen des Schicksals Fügungen, gegen des Allmächtigen wunderbares walten . . . hier hielt es der Gatte jener guten Frau, die einen so schweren Seelenkampf zu kämpfen hatte, für geboten, einzugreifen und rief: „Bunna, Gott hat wunderbar gewaltet! ' Unser Geheimnis ist nicht mehr unser ausschließliches Eigentum. Es giebt einen guten Wenfchen, dee unserm Kinde näher steht als wir!" Bei diesen Worten riß sich Alma aus der Umarmung der Umtter und eilte an den hals des Sprechenden, den Kopf an dessen Brust bergend: „Papa! — G Papa!" wehr vermochte die Säfluchzende Glicht zu sprechen. Was aber ihre Gedanken erfüllte — wer hätte es nicht geahnt —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.