Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 18 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 276 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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geräumt werden, denn die Gewalt des heranstürzenden Wassers hatte sie derart in ihren Grundmauern erschüttert, daß sie einzustürzen drohten. Unter den so gefährdeten Häusern befand sich auch das des Gastwirts denn es lag dein beschädigten Damm am nächsten. Das L.sche Haus begann dann auch zuerst einzustürzen. Schon waren ganze Giebelteile in das schäumende Element krachend gestürzt, da erscholl ans dem Hinterhause, das noch unversehrt, jedoch viele Fuß hoch mit Wasser angefüllt war, ein gellender Hilferuf. Raum war dieser schaurige Uns verhallt, als der Gastwirt ‘?. schreckensbleich zu mir hereinstürzte und rief: „Um Gotteswillen, Herr Goldstein, eilen Sie mit mir zur Rettung einer armen, hilflosen Frau, die gestern in später Abendstunde mit einem kleinen Rinde in meinem Hause Obdach gefunden, die aber in der furchtbaren Aufregung ganz vergessen wurde! Es ist eine Israelitin; kommen Sie, ehe es zu spät ist!" Wir boten nun alles auf, die in entsetzlicher Lage befindliche Frau, deren Hilferufe immer schwächer wurden, zu retten. Aber ach, die Rettung sollte uns leider nicht ganz gelingen. Nur das zarte Rind, ein UÜädchen, wurde dem nassen Element entrissen, während die Ukutter in den Fluten ihr Grab fand. Es war nicht möglich gewesen, Umtter und Rind zugleich in Siche.- heit zu bringen. Schon hatte ich aus den zitternden Händen der URitter das schreiende Rind nebst einem Bündel entgegengenommen, da wollte ich auch die stöhnende Frau aus ihrer entsetzlichen Gefahr befreien. Doch ein plötzlicher Orkan trieb die Fluten gegen das wankende Haus, das jäh in sich zusammenbrach, und dessen Trümmer die Ukutter mit sich in das Wasser sortrissen. Ich eilte ins Haus, um nach dem geretteten Rinde zu sehen, das ich meiner Frau übergeben hatte. Diese war außer sich vor Freude und Glück; denn wenige Wochen zuvor hatten wir ein liebes Töchterchen in die Erde gebettet, das der unerbitterliche Tod uns jäh entrissen hatte. Sie erblickte nun eine göttliche Fügung darin, daß dies Rind, das jetzt der Ukutter beraubt, in ihr Haus gekommen. Wir erkannten denn auch darin einen Ersatz für das verlorene Rind und beschlossen, es als eigenes zu behalten. Ich öffnete das Bündel, das ich außer dem Rinde den zitternden Händen jener Fremden entnommen, und ich fand außer einigen Schriftstücken gleichgültigen Inhalts, die mir über die Persönlichkeit der verunglückten keinerlei Aufschluß geben konnten, ein verschlossenes Schreiben, das ich aus gewisser Scheu bis heute uneröffnet gelassen, ferner jenen Ring und endlich ein altes, dickes Gebetbuch." „Und jenes Rind?" fragte jetzt Hochfeld stotternd, da ihm allmählich die Lösung jenes Rätsels geworden war, das ihm bisher unlösbar schien. „War Alma!" entgegnete Herr Goldstein. „So ist Alma nicht ihre leibliche Tochter?" fragte Hochfeld. „Nein, sie ist es nicht. Da wir kinderlos geworden waren, beschlossen wir, das Rind der Fremden als eigenes anzunehmen und jede Spur, die