Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 17 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 262 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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262 des jüdischen Mädchens früherer Zeiten, scheint eitle putz- und Gefallsucht gereten zu sein. Überall begegnet man nur dem äußeren schein. Alle möglichen Kenntnisse und Fertigkeiten eignen sich die Alädchen an, uur die religiöse Ausblidung, die Befruchtung des Gemütes, unterbleibt. „Sie gehen mit meinen Schwestern in Israel aber streng ins Gericht! Sprechen Sie etwa aus Erfahrung?" „Teilweise! 2T7an sieht, beobachtet und stellt unwillkürlich Vergleicbe an. In meiner Stellung wird mir so oft Gelegenheit geboten, einen Blick in das Leben und Weben der einen oder anderen Familie zu werfen." „Worin liegt nun der Grund für diesen beklagenswerten Zustand?" fragte Alma. „In vielen fallen," erwiderte Hochfeld, „ist es die Absicht zu täuschen, der Welt Sand in die Augen zu streuen. Alan möchte einen Glanz entfalten, muß aber dabei mehr scheinen, als man nach Lage der Verhältnisse in, Wirklichkeit ist. Das Leben der Gegenwart hat seine Anspräche an den Einzelnen so sehr emporgeschraubt, daß einen vernünftig denkenden und berechnenden Alenschen förmlich ein Schwindel ergreift, so er sie in Erwägung zieht. Alan möchte unter allen Amständen diesen Ansprüchen genügen, um nicht als „niedriges Gesindel" zu gelten. Geht dies nun nicht in Wirklichkeit, so versucht man es mit dem Schein." „Ich -pflichte Ihnen hierin vollkommen bei," warf Alma ein, „jedoch was hat dies alles mit der Frömmigkeit zu thun?" „Der wahrhaft fromme Sinn wendet sich mit Abscheu ab von absichtlicher Täuschung; er ist ehrlich gegen Gott wie gegen seinen Nebenmenschen. Blicken Sie auf die Vergangenheit, wie da unsere Töchter Einfachheit und bescheidenen Sinn mit Frömmigkeit und Tugend verbanden, heute ist das in den meisten Fällen eine Unmöglichkeit. Der Kopf uuserer weiblichen Jugend ist des Eitlen, Vergänglichen und der schimmernden Nichtigkeiten so voll, daß schwer darin noch ein göttlicher Gedanke Aaum zu finden vermag. Es find dies Alißstände, die den sittlichen Bestand Israels untergraben und unser Familienleben gefährden." Alma hatte mit Aufmerksamkeit den Ausführungen Hochfelds zugehört, und nach einigem Nachdenken sprach sie: „Sie haben mir den Blick geöffnet für einen Abelstand, von dessen Vorhandensein ich bisher nichts wußte. Ja, wir Alädchen find doch viel zu unachtsam auf die Vorgänge selbst in unserer nächsten Umgebung. Ihre Beobachtungsgabe setzt mich in Erstaunen, Ihre trübe Lebensanschaunng aber erfüllt mich mit Schrecken." - - „Und doch ist sie nur das Erzeugnis meiner bisherigen vereinsanrten Stellung. Losgelöst von allen Banden der Freundschaft und Verwandtschaft hat sich mir diese trübe Lebensanschauung unwillkürlich aufgedrängt. Elternliebe hat mich nie beglückt, ihren beseligenden und beglückenden Einfluß habe