Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 15 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 232 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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232 ruf, der die Mitternachtsstunde verkündete, aufgeschreckt wurde. Er ermannte sich und legte sich zur Ruhe. Bald war er fest eingeschlafen; doch war es ein unruhiger Schlaf, den er fand. Die nrannigfaltigsten Traumbilder umgaukelten seinen sieberhaft aufgeregten Sinn. Im Anfang drangen unausgesetzt an sein Ghr Kommandorufe und Trommelwirbel, Hornsignale und Waffengeklirr, vermischt mit unaufhaltsamem Geknatter der Gewehre. Bald endete der betäubende Lärm, der imnrer mehr in der Ferne verklang, und es war ihm dann, als vernehme er eine langsam sich nähernde Himmelsmusik; von zahllosen, lieblichen Lichtgestalten, überirdischen Diesen, wähnte er sich umschwebt, und es schien ihm, als ob jene Augen, beredt und glanzvoll, wie die Augen derjenigen, welche so liebe Worte schon zu ihm gesprochen, glückverheißend ihm zuwinkten.- Das erste Morgenlicht brach durch das große Fenster, und Hochfeld erwachte. — Zur festgesetzten Zeit begab er sich nach der Kaserne. Auf Stube No. 53 herrschte schon reges Leben. Jedermann war bemüht, sich mit Eifer den verschiedensten, ihn: obliegenden Verrichtungen hinzugeben, hier setzte der eine alle seine Kraft daran, seiner Fußbekleidung den höchst möglichen Glanz zu entlocken, was ihm auch, da er sie mit einer Wucht bearbeitete, als gelte es, einen Feind mit der Bürste zu verhauen, zu gelingen schien. Dort zeigte ein anderer, daß er ein verschworener Feind alles Schwarzen und ein Förderer und Verehrer der „weißheit" sei, deml bedächtig strich er mit einem an ein Stäbchen befestigtes Schwämmchen, das er eben in ein Glas getaucht, in dein sich eine weiße Masse befand, über sein Lederkoppel hin. Hochfeld begab sich sofort zu seinem Kameraden, der sein Berater und Helfer war, und nunmehr auch die Sorge für seine „weißheit" und seinen „Glanz" übernahm. Bald erstrahlten die Knöpfe seines Waffenrockes in Hellem Glanz. Nun hieß es aber auch, denjenigen Körperteil in einen dienst» lichen Zustand zu versetzen, an den der Dienst die meisten Ansprüche stellt -den Fuß. Hochfeld trug noch seine eigene Fußbekleidung, doch es war untersagt, mit dieser zum Dienste zu erscheinen. Da standen sie nun fein säuberlich und blank gewichst vor ihm, — jene ledernen Kolosse. Mit Zagen und Bangen suchte er die ihn anstarrende Gde und Leere, die in diesen altertümliche«, mit mächtigen Nägeln besetzten Fußbekleidungsstücken herrschte, auszufüllen, was ihm beim besten willen nicht gelingen wollte, da in jedem Stiefel Raum genug für zwei Füße war. Und das Gewicht dieser mächtigen ledernen Fußhüllen! wer je eines anschaulichen Beweises für das Gesetz von der Schwere, nach welchem „die Erde alle Körper anzieht," bedarf, versuche sich in jenen ledernen Gehäusen fortzubewegen; er wird auch finden, daß Schiller Recht hat, wenn er meint: daß „der Sterbliche zu sehr an der Erdscholle haftet;" nur mit Mühe vermochte Hochfeld anfangs seine Füße zu heben.