Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 13 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 Lehrer Albert Hochfeld sah den sich geräuschlos entfernenden Rindern an der Thürschwelle sinnend nach. Nachdem das letzte Rind sich entfernt hatte, schloß er die Thür des Schulzimmers und eilte aufatmend in das an das Unterrichtszimmer grenzende wohngemach. Die Hälfte seiner Tagesarbeit war vollbracht, und nun konnte er der Ruhe pflegeil nach dein anstrenge,töcn Vormittagsunterrichte. wahrlich! anstrengend war die Arbeit des Lehrers; denn diejenigen, welche die hoffnungsvolle Jugend darstellten, waren gerade nicht zu „den großen Geistern" zu zählen. Tr hatte daher alle Kraft und alle Kunst zu entfalten, u,n den allerdings nur bescheidenen Ansprüchen seiner Geineinde gerecht zu werden und die ihn, anvertrauten Kinder aus dem Born -es Wissens schöpfen zu lassen. Zwei Zahre erst fristete Hochfeld in M., einem Städtchen von etwa viertausend Tinwohneru mit zehn jüdischen Familien, sein Dasein, und er hatte es leider in der so gepriesenen Methode -es „Tintrichterns" in diesen, Zeitraum noch gar nicht weit gebracht. Und dies zu seinen, Nachteile, da bekanntlich nach der Meinung vieler verblendeter Titern stets nicht die Unfähigkeit der Kinder und der Mangel an Fl.iß, sondern lediglich die schlechte Methode, das Ungeschick des Lehrers die Schuld tragen, wenn ein Kind nichts lernt, wie un,gekehrt nicht dem Geschick und den, Tifer des Lehrers, sondern den, „guten Kopf" des Kindes die Fortschritte zu verdanken sind. Daß den, Lehrer Hochfeld das wirken unter diesen Umständen nicht zu einer Quelle der Befriedigung und Freude werden konnte, bedarf wohl nicht der Erwähnung. Wohl mancher Seufzer entrang sich daher seiner beengten Brust. Aber nur die vier wände seines wohnzinnners vernahn,en sie und diese waren stumn, wie das Grab. Da draußen hätte er auch keinerlei Verständnis gefunden für seine Klagen, er inußte daher im eigenen Hein, Trost suchen. Und hier fand er auch diesen Trost in seinen Büchern, die seine einzige Freude waren und die bitteren Gedanken so oft verscheuchten. Auch dich, lieber Leser, bitte ich, für eini.ze Augenblicke in, Geiste dieses trauliche Lehrerhein, mit mir zu betreten, das zwar äußerst einfach, aber recht wohnlich eingerichtet war. Trst.unen erfaßt uns jedoch sofort, wei,n wir hier Un,schau halten, denn wir erblicken einen Gegenstand, den wir in einen, Lehrerzimmer in M. anzutreffen nicht gewohnt sind: ein Sofa! heil dir, Gen,einde Ul., daß du deinen, Lehrer einen solchen Luxus gewährst, damit er auf den, weichen Polster seine inüden Glieder ausstrecken kann, nachden, er eine reichliche Menge Schulstaub heruntergeschluckt! Nun glaube aber nicht, lieber Leser, daß dieses Möbelstück erst gestern oder vorgestern aus des Händlers Hand gekonnnen! Nein! Schon manches Jahr hatte sich auf seine schwellenden Polster gelegt und deutliche Spuren darauf zurück gelassen. Auch dieses Stück Möbel konnte wohl mit doppelten, Rechte von sich sagen: „Schier dreißig Zähre bistchu alt." Das verraten uns vor allen Dingen jene zahlreichen heuhäbnchen, die naseweis