Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 12 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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186 liegt aber in der Natur des Menschen — und das ist ein Glück für ihn —, daß er immer wieder von neuem hofft, sieht er sich auch noch so oft in seinen Hoffnungen enttäuscht; denn: „Mit harren und hoffen hats mancher getroffen", und „Hoffnung läßt nicht untergehen." — hat aber dein hoffen und harren dich gemacht zum Narren, oder hast du's mit harren und hoffen auch getroffen, so laß im ersten Falle nur den Mut nicht sinken und verzweifle nicht; in: andern Falle aber überhebe dich nicht und wiege dich nicht in Sicherheit, „lobe den Tag nicht vor dem Abend;" denn im Glück und im Unglück denke daran, daß „Unverhofft konnnt oft." „U)ie man dich grüßt, so sollst du danken." hierinit entschuldigt sich mancher, der eine erlittene Unbill wieder zu vergelten sucht, „mit demselben Ulaße mißt, mit dem ihm gemessen worden," sprechend: U)ie du mir, so ich dir." Der hat aber den Zinn dieses Sprichwortes nicht ganz recht verstanden. Wohl gemerkt, es sagt dir zunächst: So dir jemand freundlich begegnet, so sollst du ihm wieder freundlich begegnen; so dir jemand Gutes erweist, sollst du ihm das Gute wieder vergelten, wenn du kannst, oderihm doch von Herzen deinen Dank beweisen, damit es nicht von dir heiße: „Undank ist der Welt Lohn." Zagt doch in vollein Widerspruch zur ersten Auffassung des Sprichworts, die leider die gewöhnliche ist, ein anderes Sprichwort: »Lieber Unrecht leiden, als Unrecht thun." Noch mehr sagt dir ein drittes: „Dem Feinde soll man goldene Brücken bauen." Schön, recht schön, entgegnest du, bllckt mir aber einer' in seinem Dünkel und' Hochmut verächtlich über die Schulter hinweg, Gehandelt mich ohne Ursache, nur weil es ihm so gefällt, schnöde, so sollen wir, wie das Sprichwort richtig sagt, „keinem einen Stein in der Tasche nachtragen;" ein anderes Sprichwort aber: „Auf einen groben Rlotz gehört ein grober Reil," will sagen, „trage den Stein nicht in der Tasche nach, sondern schleudere ihn auf deinen Gegner zurück." — Nun meinetwegen, wenn du nicht anders durchzudringen glaubst, als mit einem groben Reil, so treib ihn denn ein, daß es eine Art hat, aber paß auf, daß du den Nagel oder hier den Reil auf den Ropf triffst, so daß dein Gegner beschämt sagen muß: „wie man in den Wald schreit, so hallt es wieder." „Jeder ist seines Glückes Schmied," so sagt der, welcher durch URihe und Arbeit, durch vorteilhafte Benutzung der Zeit und der Umstände, durch den weisen Gebrauch seiner Rräfte, durch Anwendung der richtigen, wenn auch nicht imnrer rechten Uuttel zu einem großen Vermögen, oder zu hohen: Amt und Ehren gelangt; denn „wie einer ringt, so es gelingt." „wer nichts thut, der hat nichts." Dem tritt ein anderes Sprichort in den weg, welches sagt: „Seinen Freunden giebts Gott im Schlaf." — In der That sehen wir auch oft Ulenschen, die zu ihren: Glücke nichts gethan, nur die Hände müßig in den Schooß legten, sozusagen über Nacht in die höhe steigen; denn das Glück läuft ihnen nach, obwohl sie es nicht suchen; es fliegen ihnen die ge-