Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 12 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 185 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9620171-9626621-9621859--0636-9621868- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Des Alten Brust hob und senkte sich in kurzen schweren Atemzügen, seine Züge verklärten sich, die matten Lider hoben sich, und ein gar seltsamer Glanz entstrahlte seinen Augen. Den vergeistigten Blick zum Himmel emporgerichtet, rief er mit durchdringender Stimme: »Frei! Zch frei! Gott ist gerecht, Frei!« Noch ein schwerer Atemzug, und die Augen schlossen sich langsam — aus immer. Ende! Über scheinbare Widersprüche in Sprichwörtern. Bon Bloritz Grünfeld-Schwersenz. „Gin Sprichwort ist ein Wahrwort," sagt ein Sprichwort. Nun aber giebt es Sprichwörter, die nebeneinmidergestellt, sich zu widersprechen scheinen. Näher bei Lichte betrachtet aber erkennen wir, daß ein und dieselbe Sache von verschiedenen! Standpunkt aufgesaßt und von verschiedenen Seiten betrachtet werden kann, und daß also jedes Sprichwort eine Wahrheit in sich schließt. Beispiele sollen es zeigen. „Unrecht Gut gedeihet nicht," sagt ein Sprichwort, von dessen Wahrheit wir uns täglich überzeugen. Dagegen läßt sich um so weniger etwas einwenden, als ihn! bald ein verwandtes Sprichwort zur Seite steht: „Ehrlich währt am längsten." Da tritt ihnen ein drittes frech in den Weg und spricht: »Gestohlen Brot schmeckt am Besten.« Das will wohl zunächst sagen: Wenn wir etwas durch Blühe und Anstrengung, durch Aniffe und Schliche erlangt haben (da doch die Ausführung eines Diebstahls in der Regel mit Schwierigkeiten und Gefahr verbunden ist), so ist der erlangte Gegenstand unseres eifrigen Strebens uns um so teurer, denn: „Was sauer ankonnnt, ist lieb." Es kann aber auch umgekehrt angewandt werden: „Was man leicht und ohne Blühe sich angeeignet, schn!eckt am besten." Zunr Exempel, wenn jemand die geistige Arbeit eines anderen, die diesem manchen Schweißtropfen gekostet, sich ohne weiteres zugeeignet und sie als eigenes Erzeugnis ausgiebt, d. i. „sich mit fremden federn schinückt," „mit fremdem Aalbe pflügt," so schmeckt dieses gestohlene Gut, das ihn! keine Blühe!nachte, auch nicht schlecht. Wird er aber gepackt, so ruft ihn! sein Widerpart höhnisch zu: „Siehst du, unrecht Gut gedeihet nicht, — treue Hand geht durchs ganze Land." „hoffen und harren macht manchen zuni Narren," ist ein Sprichwort, das fast jeder Blenfch aus eigener Erfahrung kennt; denn wie oft werden die schönsten Hoffnungen, mit denen wir uns Jahre lang getragen, urplötzlich in einem einzigen Augenblick, in eben den! Blon!ent, wo wir mn Ziele unseres Höffens -zu sein wähnen, in ein bloßes Nichts verwandelt. „Der, welcher von Hoffnung lebt, stirbt von! Fasten," sagt ein ähnliches Sprichwort. Ls