Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 10 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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151 gen wurde. Blanche Freudenthräne erglänzte in den Augen der beglückten Eltern, und manch inniges Dankgebet entstieg ihrem frommen Kerzen. Bevor über die Zukunft Daniels entschieden werden konnte, mußte noch einige Zeit vergehen. Die Aburteilung der Räuber mußte erst noch vor sich gehen, wobei Daniel ein Zeugnis ablegen mußte. Zn Begleitung des Großvaters, der ebenfalls als Zeuge vorgeladen war, begab sich Daniel am festgesetzten Tage nach der Stadt R., wo sich die Gerichtsstätte befand. Zwar besaß der Graf selbst Gerichtsbarkeit über die Gutseigesessenen. Doch wollte er der Gerechtigkeit freien Lauf lassen, und da er selbst Partei in diesem Kriminalfalle war, so übertrug er die Rechtsprechung der Stadtgerichtsbarkeit in R. Die Verhandlung fand in der sogenannten Gerichts, laube des Rathauses statt. Auf einem langen Tische mit einer schwarzen Decke lag ein dickleibiges Buch in Schweinsleder gebunden. Das war der Gesetzeskodex. Am Tische saß der Gerichtshalter, auch Zustitiarius genannt, ein Blann im vorgerückten Alter und von ehrwürdigem Aussehen. Als Zeichen der richterlichen Gewalt diente ein blankes Schwert und ein Stab. Blit diesem gebot der Richter Stille. Um den Stab wurde der Eid geleistet. War über den Verbrecher die Todesstrafe verhängt worden, so wurde über ihn der Stab gebrochen. Zu beiden Seiten des Gerichtshalters saßen die Schöppen (Schöffen). Auf dem Tische stand ein Kruzifix, und je drei Lichter flackerten ihm zur Rechten und zur Linken. Inmitten der Laube hing eine schwere Ampel von der ragenden Wölbung. Ihre unstete Flamme warf ein grelles Licht durch den umheimlichen Raum. An den Wänden sah man außer dem großen Bildnisse des Kaisers verschiedene Dinge, die dein Eingeweihten als Werkzeuge der Folter nicht unbekannt waren. Seitwärts saß an einem kleinen Tische der Gerichtsschreiber. An beiden Seiten der niedrigen Eingangsthür standen bewaffnete Landsknechte, in der Rechten eine eiserne Lanze haltend. Auf einem besondern etwas erhöhten Sitze hatte der Graf Alatz genommen. Auf ein gegebenes Zeichen eröffnete der Gerichtshalter die Verhandlung. Noch vor Beginn derselben wurden Eli und Daniel in den Gerichtsraum eingelassen. Ein Schauer durchrieselte den Knaben, als er den umheimlichen Raum betrat. Der Graf winkte beiden, sich zu setzen. Nachdem der Kläger, der Graf, seine Anklage erhoben, begann der Zustitiarius l „So tage Spruch und Gericht im Namen des Kaisers!" „Im Namen des Kaisers!" riefen die Schöppen. Der Gerichtshalter gab ein Zeichen, worauf die des versuchten Raubmordes Angeklagten, Waldemar und sein Spießgeselle, vorgeführt wurden. Hände und Füße waren in schwere Ketten gelegt, die bei jedem Schritte rasselten und dadurch den Vorgang noch grauenhafter gestalteten. Die lange Kerkerhast Weldemars in dem Schloßtnrme Halle seinem Aussehen jede Keckheit genommen. Bleich und abgemagert schwankte er un-