Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 10 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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150 Während der lebhaften Unterhaltung hatten sich zwei Schloßdamen der Laube genähert. Raum wurden sie des Rnaben ansichtig, als sie einen Schrei freudiger Überraschung ausstießen. „Ist dies nicht jener Rnabe, der uns aus dein Sumpfe gezogen hat?" fragte die eine aufs höchste erstaunt. ,,freilich, dieser menschenfreundliche Blick, diese Zutrauen erweckenden Gesichtszüge sind dieselben, die nur in der schwersten Stunde meines Lebens Hoffnung gaben, da mir jede Aussicht auf Bettung geschwunden war," entgegnete die geschwätzige Schloßdame lebhaft. Das Erstaunen des Gräfin und des mittlerweile hinzugetretenen Grafen wollte gar. kein Ende nehmen, während Daniel fast wie beschämt die Augen zu Boden senkte. Nun wurde er inehr noch als während der ganzen Rrankheit mit Aufmerksanckeiten und Zärtlichkeiten förmlich überhäuft. Der Graf dachte darüber nach und besprach sich auch mit seiner nächster! Umgebung, in welcher Meise er sich wohl den: Rnaben dankbar erweisen könnte. Er wollte damit einen Akt besonderer Gnade vollziehen. Zwar befand sich Daniel außer Gefc.hr, doch der Arzt empfahl dringend, jede Aufregung zu vermeiden, und so mußte sich der Graf einstweilen damit begnügen, dem Rnaben den Aufenthalt im Schlosse bis zur völligen Genesung so angenehm wie möglich zu gestalten. In der That genoß der Rnabe eine Behandlung, wie sie sonst nur die verwöhntesten Fürstenkinder genießen können. Die dankbaren Schloßfräulein wetteiferten mit dein Grafen und seiner Gemahlin in der Bekundung von Liebe und Zärtlichkeit gegen Daniel. So oft jemand aus den, Schlosse in der Stadt B. war, wurde ihm etwas mitgebracht, unr ihn, eine Freude zu bereiten. Obgleich der Grundzug seines Wesens ernst war, für Erheiterungen war er doch nicht unzugänglich, und wenn ihm etwas Lustiges begegnete, konnte sich vor Lachen förmlich ausfchütten. Die größte Freude bereiteten ihm. die aus der Stadt nütgebrachten Bücher, in denen er sich bald zurechtfand. Unter den Büchern erregte eines seine besondere Aufmerksamkeit. Es war dies eine Abhandlung über die Goldschmiedekunst mit Illustrationen. wit sichlichem Wohlbehagen las er innner wieder in diesenr Buche, mit gespanntester Aufmerksamkeit betrachtete er die verschiedenartigen Zeichnungen. Und es erwachte in ihm der sehnlichste Wunsch, sich dieser Runst widmen zu können. Aber durfte er als Jude und als Rind unvermögender Eltern auf Erfüllung dieses Herzenswunsches rechnen?- Es war bereits herbst geworden. Über die öden Stoppelfelder fegte der wind. Die Bäume waren ihrer reichen Früchte entledigt, und Reller und Scheune waren vom Segen Gottes gefüllt. Die Ernte war auch für Gabriel eine ergiebige in diesen! Jahre gewesen. Daniel war mit Hilfe der fürsorglichen Abwartung, die ihn, in, Schlosse zuteil geworden, völlig hergestellt, und eines Tages brachte ihn und der Großvater ein gräflicbes Gefährt nach Hause, wo er mit unbeschreiblicher Freude empfan-