Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 9 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 139 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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139 ruhigste und arbeitsfamftc Ccbcrt. Um sechs Uhr morgens standen sie auf und nahinen noch ihre Aufgaben durch, bis sie zur Schule aufbrechen mußten. Gegen Zwölf Uhr wurde das Frühstück, um fünf Uhr das Alittageffen eingenommen. Diese Alahlzciten dauerten kaum 20 bis 25 Almuten. U)enn einer der Geladenen viel Zeit für die Unterhaltung bei Tische aufwenden wollte, so hätte er hungrig von der prinzlichen Tafel aufstehen und sich dann in einem Restaurant schadlos halten müssen. Gegen 9 oder 9 72 Uhr gingen die Prinzen zu Bett. Ihre Alußestunden gehörten dem französischen und englischen Unterricht, der Alusik, den Schieß- und Reitübungen. Nur fürkurze Zeit war ihnen erlaubt, mit ihren Gefährten zu spielen, aber diesem Vergnügen gaben sie sich mit Eifer und unverhohlener Freude hin. An ihren Geburtstagen oder denen der Eltern durften sie ein Theaterstück auswählen, dessen Aufführung sie dann am Abend beiwohnten. An Taschengeld erhielt Prinz U)ilhelm monatlich 20 und Prinz Heinrich s0 Alark. Davon mußten sie ihre kleinen Ausgaben, wie Briefpapier u. s. w., bestreiten und auch Geschenke kaufen für die Untergebenen, welche zu ihrer nächsten Umgebung gehörten. Ich kann mich nicht entsinnen, sagt der Professor Ayme, daß Prinz Wilhelm während seines Aufenthaltes in Taffel je eine Strafe erhielt. Er war zu stolz und ehrgeizig, um sich auch nur das geringste Versehen zu Schulden kommen zu lassen. Es hatte den Anschein, als strebe und arbeite er nach seinem Programm, das er sich selbst aufgestellt; in seiner Ulasse gehörte er immer zu den Ersten. Ich selbst hatte nie nötig, ihn anzueifern; bereitwillig machte er jede Aufgabe noch einmal, die ich ihm als fehlerhaft bezeichnet . hatte. Wir nahmen zusammen Grammatik durch, lasen und sprachen dann über das Gelesene, ich ließ Aufsätze arbeiten rc. Er ließ sich durch keine Schwierigkeit abschrecken, sondern kam mit seinem Eifer über alles hinweg. Wenn er schöne Prosa oder Gedichte, besonders die von Victor Hugo, las, so konnte er bei jeder Störung außer sich geraten, so ganz gab er sich dem Zauber des Dichters gefangen. Poesie und schöne Sprache wirkten ungemein auf ihn; mit vollem Verständnis erfreute sich er an der Schönheit der Forni und begeisterte sich für große und edle Gedanken. Alan begreift, daß Prinz Wilhelm nach zehn oder zwölf Jahren so eifrigen Lernens ausgedehntere und gründlichere wissenschaftliche und litterarische Kenntnisse besaß als die meisten seiner Gefährten. Alan muß gerechterweise auch anerkennen, daß nur wenig junge Leute der ausschließlichen Arbeit so viel Zeit widmen, wie er es that, und daß ihn: weit weniger Freiheit und Erholungsstunden gegönnt waren als anderen Rindern seines Alters. Jedes Alal, wennn ich genötigt war, dem Prinzen Heinrich eine Strafe zu erteilen, stimmte er mich nülde durch seine Thränen und seine aufrichtige Reue. Er war von einer köstlichen Kindheit und Offenherzigkeit; seine Ant-