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Israelitischer Jugendfreund · 1897-01-01 · 8 (1897) · p. Seite 124

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
3 (1897)
Issue
8 (1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 124 (sequence 12)
Language
German
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124 weißer Bart wallte ihm bis auf die Brust herab, feine saubere, sogar esegarste Kleidung entsprach doch so wenig der hier üblichen Tracht, daß man auf den ersten Blick vermutete, der alte Herr sei ein Fremder. Und wirklich, nur für einige Wochen weilte er in der schönen Reichshauptstadt bei seinem Gnkelsohn, um einen: froheil Familienfeste beizuwohnen. Trotzdeni er sich im Kreise der Leinen wohl und behaglich fühlte, sehnte er sich doch bald nach Hause zurück nach seiner treuen Lebensgefährtin, die schon, obgleich jünger als er, zu gebrechlich für die weite Reise war, sehnte sich auch zurück in die Sülle des kleinen Städtchens unweit der polnischen Grenze, welches ihm seit fast vierzig Jahren eine zweite Heimat geworden wer. Das lebhafte Treiben in der Ausstellung ernlüdete den alten wann; für die ausgestellten Bilder hegte der Greis, der sich von frühester Jugend an mit schwerer Grwerbsarbeit und religiösen Stuöien beschäftigt hatte, wenig Interesse. Achtlos glitt sein Blick an den meisten Bildern vorüber, da plötzlich schien ihn ein Gemälde lebhaft zu interessieren, er winkte seinen Begleitern und trat mit ihnen vor Ludwig Knaus berühmtes Gemälde: „Sommerabend im Iudengäßchen"! Gin Sommerabend in: Gäßchen! Der alte wann läck/elte, alte halb vergessene Gindrücke schienen wieder in ihm aufzuleben, wit immer wachsendem Interesse betrachtete er die engen winkligen Gassen, die alten, baufälligen Häuser mit den winzigen Fensterchen, die altertünlliche, aufgezogene Straßenlaterne im Hintergründe! Ja, das war ein Bild, das ihm gefiel 1 Dort der ehrwürdige Greis in: Lehnstuhl, trotz der Sommerhitze in warme Tücher gepackt, erinnerte ihn an seinen nun längst verstorbenen Großvater. Die plaudernder: Gruppen in der: Lauben, (so nannte n:an früher die überdeckten Plätze vor den Häuser::) das junge wädchen, das in die Lektüre eines Buches vertieft vor der Thüre sitzt, die Alte, die schmunzelnd ihren: lebhaft erzählender: Grrkelsohrre zuhört, di) Kinder, die sich ihr Aberrdbrot irr: Freien schrnecken lassen, all diese Personen des figureiweichen Gruppenbildes fesselten das Interesse des alten warmes. „Lieh, Julius," wandte er sich an seiner: kleinen Urenkel, „so wie diese Kinderchen hier, bin auch ich ausgewachsen, auch ich habe meine früheste Iuger:d irr: Ghetto verlebt, und wern: ich mich nicht sehr irre, ist auf dieser:: Bilde sogar meine Heimat, das Gäßchen in Frankfurt am wain geschildert. Der alte wann konnte sich von dem Bilde nicht trenr:en, wieder und wieder betrachtete er es, und es schien ihm, als ob die Häuser der Gasse höher und höher würden ur:d immer näher rückte::, die werrschen zu atrrren, zu reden arrfirrgen, er glaubte sogar ihre Sprache deutlich zu verstehen, was doch die Ginbildurrgskraft nicht alles vermag! Schon vernahrr: er die Stirnmen der plaudernden wänner, die über euren Scherz des Ghetto Witzboldes, des Har:dlungsreiser:den im elegarrten, modischen Rock geräuschvoll auflachten, schor: hörte er, wie der kraushaarige Iurrge seiner wutter und Großmütter an der: Fingern vorrechnete, wieviel er verdient, — da flammte das elektrische Bogen-

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