Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 7 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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107 seinem Unverstand grollte ihr deswegen. Als ob es in ihrer Ulacht gestanden hätte, zu bleiben! Ach, das Scheiden war ihr schwer genug geworden, wußte sie doch, daß ihr ältestes Kind, ihr Eugen, nun keinen Platz in irgend eines Menschen Herzen mehr hatte. Der Vater und die Geschwister verstanden sein zurückhaltendes, verschlossenes und dabei doch so liebebedürftiges Mesen nicht, sondern sie hielten ihn für kalt und herzlos. So war das gegenseitige Verhältnis zwischen ihnen nie ein inniges gewesen, sie standen sich recht fremd gegenüber und jetzt, wo die liebevolle Vermittlerin, die treue Mutter tot war, fühlte sich Eugen ganz trostlos, einsam und verlassen. Zhm war zu Mute wie damals, als die leidende Mutter zur Kräftigung in ein Bad reisen nmßte. Als man sie zur Bahn begleitete und er sie auf dem U)ege heimlich an dein Aermel zog und leise bat! „Mütterchen, nicht Mütterchen. reise doch nicht weg, ich kann es ja nicht aushalten ohne Dich," da war sie dennoch abgereist, und der Knabe fühlte sich darüber so sehr gekränkt, daß er keinen freundlichen letzten Abschiedsgruß für die Mutter hatte. Er wollte sie nicht inehr lieb haben; er schrieb ihr auch während der ganzen Zeit ihrer Abwesenheit nicht ein einziges Mal. Als sie aber eines Tages, unveriiiutet aus dein Kurort zurückgekehrt, in seinem Zimmer stand und ihn an ihr mütterliches Herz zog und mit ihren schwachen Armen, ach, so innig an sich drückte, da brach seine zurückgehaltene Liebe uilgestüin durch; über uiid über bedeckte er sie mit Küssen/ heiße Thränen raiinen über sein Gesichtchen, schluchzend schlaiig er seine Arme um ihren hals, als wolle er sie nie, nie wieder los lassen. „Du darfst nicht wieder weg, Mütterchen, ich Hab' Dich ja zu lieb," sagte er unaufhörlich. Da fing die Mutter auch an zu weinen, streichelte und beruhigte ihren Zungen sanft und versprach ihm, nicht wieder vom ihm zu gehen. Nun war sie doch wieder fortgegangen und hatte ihn allein gelassen. Er konnte es nicht begreifen, wie ihr das möglich gewesen, und so heimlich und plötzlich; er war wieder sehr erzürnt über sie, deswegen trugen auch seine Züge den finsteren, verbitterten Ausdruck, daher saß er so stumm uud thränenlos da. * * * Jahre waren seit dem Tode der Mutter verflossen. Die jede Munde heilende Zeit hatte auch Eugens Vater und seine Geschwister getröstet, um so mehr, als die Erzieherin der Kinder, die nach einigen Zähren, durch Vermählung mit dem Vater, die zweite Frau und Mutter wurde, mit voller Liebe und Hingebung ihres schweren, verantwortungsvollen Amtes waltete. Nur Eugen verhielt sich aller dargebrachten Liebe gegenüber kühl und ablehnend. Manch kummervoller und zugleich aufnmnternder Blick des Vaters traf ihn; aber er preßte die Lippen fest und trotzig aufeinander und blickte nur noch finsterer drein. Zwar wußte er nun längst, daß die Mutter damals nicht freiwillig von ihm gegangen war, sondern von einer höheren Macht abgerufen