Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 7 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/9620171-9626621-9621774--0554-9621786- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
108 wurde, er grollte ihr nun freilich nicht mehr; auch sein leidenschaftlicher, tiefer Trennungsschmerz uni die Dahingeschiedene war einer sanften Trauer gewichen, trotzdem konnte er sich in die gegenwärtige Lage nicht finden, sein Inneres bäumte sich dagegen auf und verlangte nur nach der Tinen, Unwiederbringlichen. Ach, er verstand es noch nicht, Gottes Fügungen zu ertragen. Unter diesen unliebsamen Verhältnissen war die Zeit seiner dar mizwoh herangekommen. Tugen erhielt nun Religionsunterricht. Sein Lehrer, ein sehr gottesfürchtiger und gelehrter Ulann fand Gefallen an den: begabten, ernsten Knaben. Tr beschäftigte sich gern mit ihm und merkte bald, daß die Lücke in dein Gemüt des verwaisten Knaben, die durch 6en Tod der geliebten Ulutter entstanden war, unausgefüllt geblieben, daß er sich unbewußt nach rechtenr, herzerwärmendem Trost bangte und härmte und dadurch so trotzig und unzugänglich schien. U)as nach jahrelangem Ulühen die Titern weder im Guten noch im Strengen zu erreichen vermocht hatten, bewirkteil bald die liebevollen Trmahnuiigen seines umsichtsvollen Lehrers. Tr ließ dem Knaben die Tröstuiigeil der Religion ailgedeihen, er ließ ihn Gottes Allmacht im Trfüllen wie im Versagen erkennen; er läuterte fein verstocktes Herz und machte es demütig und wieder freundlichen Gefühlen zugäiiglich. Nun war der Tag der bar mizwoh da. Alle waren in den Tenipel gegangeii, um deni Gottesdienste beizuwohilen. Ucit lauter, klarer Stimme hatte Tugen die b'roebo gesagt. Nach beeildigtenr Gottesdienste wareil die ganze Familie und der verehrte Lehrer daheinr versamnielt, uni Tugens religiöse Großjährigkeit festlich zu begehen. In schönen IVorten hatte der Lehrer hier seinen Schüler llochmals ermahnt, hatte ihm die liebevolle Fürsorge feines Vaters, des Hüters seiner Jugend, seiner verklärten uild seiner zweitel: Ulutter vor Augei: geführt. Nun erhob sich Tugen, um in selbstverfaßter Rede zu danken. Tr sprach so leise, daß die ferner Sitzenden ihn kaum hörten, die Titern verstanden aber feine schüchtern vorget.agene Bitte um Verzeihulig für alle erlittenen Kränkungen und trüben Stunden. Nach und nach wurde sein Vortrag lauter und allen verständlich. ZT cit tiefempfundeneil IVorten gelobte er, feine Fehler abzulegen uild bat die Eltern, ihn ferner zu leiten und ihm beizustehen. „Und dich, meine geliebte, tiesbetrauerte Ulutter im Himmel," fuhr er fort, „dich bitte ich, meine Fürsprecherin bei dem lieben Gott zu sein, daß er seinen Segen gebe, daß ich meine heute gefaßteil guten Vorsätze aussühren könne. Auch bei iileineiil verehrteil Herrn Lehrer will ich mich bedailken, ihm habe ich die IVandluilg meines eigensinnigen IVesens zuzuschreiben. Ts heißt zwar: Zur Liebe und Gottesfurcht kann man ilicht erzogen werden, er hat nrich aber deilnoch zur Liebe und Gottesfurcht erzogen, mich auf den rechten IVeg geleitet uild nlich Gottes Allnlacht erkennen gelehrt. Ich weiß ilun: Tr ist unser König, wir fein Volk; er unser Gebieter, wir feine Knechte. Voller In-