Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 7 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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102 sich bis zum Waldwege fortzuschleppen, und Daniel leistete ihnen, soweit es seine erschöpften Kräfte gestatteten, hierbei Hilfe, hier angelangt, sanken sie ermattet nieder. Bon peinigender Besorgnis um die beiden Frauen erfüllt, schaute Daniel nach beiden Bichtungen des Waldweges, um ein menschliches Diesen zu erspähen, das ihm Helsen würde, die ohmnächtigen Frauen ins Dorf zu schaffen. Da horch! Zein Herz begann in freudiger Erregung zu schlagen — war das nicht das Bollen eines sich nähernden Wagens? Er hält den Atem an, um besser hören zu können. Gott Lob! es war keine Täuschung! Zmmer vernehmlicher wurde das Bollen, iimner deutlicher das Anallen der peitsche, das wiehern der Pferde. Dem Gefährt entgegcneilend, rief er aus Leibeskräften: „Fuhrt zu, rasch, die Frauen sterben!" Der Rutscher folgte dein Bus und trieb die Pferde zu rasender Schnelligkeit an. „Erbarmet euch," flehte Daniel den Rutscher an, „erbarmt euch dieser unglücklichen Frauen und schafft sie in ein Haus, vielleicht kann ihnen noch rechtzeitig Hilfe werden!" „Um Gotteswillen, das sind ja unsere Schloßsräulein! was ist mit ihnen geschehen!" fragte der livrierte Rutscher erschrocken. „Fragt nicht, ich bitte euch, nur helfet, helfet!" bat Daniel, die Hände ringend. Ulit einem Satze war der Rutscher vom U)agen gesprungen, entnahm diesen: eine Flasche wein und flößte den noch innner bewußlos daliegenden Frauen den erquickenden Trunk ein. Nach einigen Almuten schlugen sie die Augen auf. „Dem Herrn sei Dank!" ertönte es jetzt von den Lippen Daniels. „Es ist keine Zeit zu verlieren," drängte Daniel, „die Frauen sind durchnäßt und zu Tode ermattet, rasch, nehmt sie aus euren wagen und eilet mit ihnen ins Schloß!" Schnell waren die Frauen in den U)agen gehoben und in wagendecken und den Ulantel des Rutschers gehüllt, und fort gings in sausendem Galopp in der Richtung nach dem Schloß. Lange blickte Daniel den: dahineilenden Gefährtnach. Als dieses seinen Blicken entschwunden war, ließ er sich erschöpft aus einen Stein nieder. Das Haupt auf beiden Händen gestützt, den Blick auf den Boden gerichtet, so saß er lange da. Die Ereignisse, die sich so unerwartet abgespielt, zogen jetzt wie ein nebelhaftes Traumgebilde an seinem Geiste vorüber. Er glaubte, das Geschehene gehört oder gelesen zu haben, bis sein Blick auf die blutigen Hände siel, die ihn jetzt zu schmerzen begannen und ihm die Gewißheit gaben, daß sich alles wirklich so zugetragen, wie er es jetzt im Geiste geschaut. Die Sonne war unterdes höher gestiegen und stand im Ulittag. Ihre Strahlen trafen einen frisch sprudelnden Quell, der sie in bunten Farben widerspiegelte. Ein sanfter Frühlingshauch wehte durch den Wald und umfächelte die heiße Stirn Daniels. Da erwachte er aus seinen Träumereien, stand aus und wusch sich an der Quelle die Hände vom Blute rein. Die plötzlich in ihm erwachte Sorge, seine Ulutter werde um ihn bekünunert sein, und das Bewußtsein, eine edle That vollbracht zu haben, beflügelte seine Schritte. Ein derartiges Hochgefühl hatte er bisher nie kennen gelernt. Nicht