Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 6 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9620171-9626621-9621757--0535-9621767- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
es geschätzt, wie sehr es vernachlässigt, — unser einziger Schlüssel Zu denk Zukünftigen Leben, unsere einzige Urkunde, iu der verzeichnet stehen die Wege unseres Daseins, unser einziger Kompaß, der uns sicher geleitet über den (Lcean des Lebens! Die heilige Schrift ist eine Geschichte der Menschheit. Sie erzählt uns von Entstehung und Untergang der Völker und Familien wie von dem Leben einzelner Menschen, und das alles thnt sie in der weise, daß wir dabei gar manches für uns selbst lernen, sta, sie erzieht uns, ohne daß wir es merken, ne bestimmt das Handeln und Denken aller derer, die sich mit ihr beschäftigen. Der König auf seinem Throne, der Schäfer in seinem Zelte, die Reichen und die Bettler, die Alten und die stungen, sie alle treten auf mit ihren Tugenden und Fehlern in dem großen Drama der Bibel und Zeigen uns, wie wir sein, was wir thun, und was wir ineiden sollen. Der Friede des Herzens, die Hoffnung auf ein ewiges Leben, die Freude des Sünders über die göttliche Vergebung, die innere Genugthunng, die man entpfindet, wenn man bestrebt ist, gute und edle Thaten Zu vollführen, — alles das kommt Zu uns durch die Bibel, weun ein Buch einen solchen Reichtum echter Wahrheit und großartiger Lehren enthält, so ist es kein Wunder, daß große Männer es hoch geschätzt und sich an der Bibel herangebildet haben. was sie für Geist und Herz gebrauchen, — all das sittlich Gute und Schöne —, sie fanden, es in den heiligen Büchern und verwerteten es auch iu Staat und Familie znm Segen der Menschheit. Leset hervorragende Dichtungen des Mittelalters und der Aeuzeit; sie haben sämtlich ihre Wurzel und Etuelle in der Bibel, deren erhebende Erzählungen, Reden, Lieder jederzeit vorbildlich gewesen sind für jüdische wie christliche Dichter. Mit Stolz' verkündet unser Goethe, daß ihm die heilige Schrift nicht nur im Privatleben, sondern auch in seinem Dichterberuf eine Führerin gewesen ist, und daß er sich gern zu den morgenländischen Erzählungen des israelitischen Volkes geflüchtet habe, wenn der Geist der Verneinung und des Unglaubens in seiner vnigebung ihn Zu verwirren drohte. wenn ihr Munal, liebe Kinder, später Goethes größere Werke mit verständnisvollem stntereffe lesen werdet, verabsäumt nicht, anch die Beschreibung seines eigenen Lebens und Dichtens, die unter dem Titel „Wahrheit und Dichtung" allerwärts bekannt ist, näher kennen Zu lernen. Dort erzählt er auch, wie er das Buch der Bücher gelesen, und schildert es in heiliger Begeisterung als die wunderbarste Geschichte der Menschheit. Wohl euch' allen, wenn in reiferem Alter der Geist der Bibel so auf euch wirkte wie auf unfern, großen Dichter, wenn ihr es verständet, ihre Weisheit und ihre Sittlichkeit Zu eurem bleibenden Eigentum Zu machen. Alle Menschen auf der Welt sollen aus dein Born der heiligen Schrift schöpfen Zu ihrem eigenen Heil, alle sollen an der Offenbarung des einzigen