Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 6 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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86 — I Augen liegen tief in den höhlen, zwischen den farblosen Lippen erscheinen zwei Reihen weißer Zähne wie jDerlenschnüre; aus der weißen knochigen Hand scheint die Kraft geschwunden, die Brust hebt und senkt sich beim Atmen schwer — ein Bild des Jammers, das eine lange, schwere Krankheit geschaffen. Den einst so kräftigen und fleißigen Landmann Gabriel hatte eine böse Krankheit befallen, und seitdem sind auch die Not und das Glend die steten Begleiter dieser Familie, die einst so glücklich war. Zwar kann von einem glücklichen £ e b c 11 der Juden in der damaligen Zeit nicht die Bede sein. Sie waren mit Vermögen und Leben Eigentum des Landesfürsten, der von ihnen einen Zoll nahin, wofür er ihnen Schutz gewähren sollte. Der Landessürst konnte dieses Schutzrecht auf andere Landesherren, Bischöfe, Stabte und Edelleute übertrageil, deren Willkür die Juden völlig preisgegeben wareii. Es lag nun in der Hand des „Schutzherrn", das Los der Juden, über die er „Schutzrecht" hatte, freundlich oder traurig zu gestalten, Für die Familie Gabriel war es immerhin noch ein Glück, Leibeigene eines Edelmannes zu sein, der feine Jubelt in wahrhaft edler Weise behandelte, so daß sie, abgesehen von den vieleii Rechtsbeschränkungen, ein erträgliches, ja im Verhältnis zu vielen anderen Glaubensgenossen, ein glückliches Leben führen konnten; iiur iiiußten sie sich den Launen des Edelmannes fügen und deii „Leibzoll" püiiktlich entrichten. Blochten die äußeren Verhältnisse der danraligen Juden auch noch so ungünstig sein, in dem innigen Familienleben fanden sie stets Trost in ihren Leiden und Entschädigung für die vielen ihnen zugefügten Unbilden. So bot auch die Familie Gabriels ein erhebendes Bild des alten jüdischen, trauten und beglückenden Familienlebens. Der Segen Gottes ruhte auf der fleißigen Hände Arbeit des braven Blannes, und unter dem Schutze ihres Edelmannes, Graf v. Blirwitz, brachte es die sparsame Familie trotz des hohen Leibzolles doch zu einer gewissen Wohlhabenheit. Da streckte eine tückische Krankheit den braven Gabriel auf das Krankenlager und raubte so der Familie den Ernährer. Dazu kam eine völlige B ttßernte, so daß die Ersparnisse der letzten Jahre bald aufgezehrt und Not und Elend ihren Einzug in die Hütte hielten. Bat bewundernswertem Gleichnrut und mit jener Stärke und Ausdauer, die allen gottergebenen Blenschen eigen ist, hat Rahel, das treue Weib Gabriels, das Bußgeschick ertragen. Ihrer aufopfernden Fürsorglichkeit war eL zumeist zu danken, daß Gabriel der Krankheit nicht erlegen. Die Sorge für die Ernährung der Familie mußte nun der greise Vater Gabriels, Rabbi Eli, übernehmen, und dieser Greis ist es, den wir in Begleitung Daniels, des ältesten Sohnes Gabriels die Heerstraße dahinziehen sehen. Er war einst als hervorragender Gelehrter der geistige Führer einer größeren Gemeinde Frankreichs. Als aber die Juden von hier vertrieben wurden, wobei seine Frau einen grauenhaften Tod fand, mußte auch er den Wander stab ergreifen und mit seinem Sohne und dessen Familie sich eine neue Heimat ,1; i u