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Israelitischer Jugendfreund · 1897-01-01 · 5 (1897) · p. Seite 76

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Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
3 (1897)
Issue
5 (1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 76 (sequence 12)
Language
German
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76 so nennen wir das allgemein: orou; niemand fällt aber dabei ein, daß oren von dem lateinischen orare abgeleitet ist. Nehmen wir einmal das durch die ganze jüdische IDelt verbreitete kleine Aödelheimer Gebetbuch zur Band, da können wir auf Leite (27 bei der Einleitung zmn Tischgebet regelmäßig den verdorbenen Ausdruck ,chou8oli6v" finden. HX'm fällt dabei wohl ein, daß dieses ^chouselwu" von dein französischen benir herrühren mag. Der Beispiele seien genug, (wiewohl ich noch mit manchen dienen könnte.) Ts reiht sich ihnen würdig an der Ausdruck Schalet oder Scholend, der wohl nichts anderes bedeutet als Schulend „Tnde der Schule". Aut „Schul" bezeichneten aber unsere Glaubensbrüder früher allgemein — in einigen Gegenden noch heute — ihr Gotteshaus, ihre Synagoge, die allerdings besonders in kleinen Gemeinden vielfach auch als Schulsaal hauptsächlich während des Religionsunterrichts benutzt wurde. In den ^usammensetzungen „Schulrufer" oder „Schulklopfer" mag auch euch heute noch der Ausdruck „Schul" für Synagoge nicht fremd sein. Da jedoch anzunehmen ist, daß viele von euch keinen Schulrufer'und noch weniger dessen Thätigkeit kennen oder kannten, so mag auch hierüber an dieser Stelle einiges erwähnt sein. Der Schulrufer war früher ein von der Gemeinde angestellter Diener (gewöhnlich hatte der Synagogendiener diese Beschäftigung im Nebenamte), der die Pflicht hatte, vor Beginn eines jeden Sabbath- und Festgottesdienstes durch die Straßen des Ortes zu eilen und die jüdischen Tinwohner desselben daran zu inahnen, daß die Zeit des Gebetes gekommen sei. Als ich vor etlichen zwanzig Jahren als kleiner Anabe längere Zeit bei verwandten in einem kleinen Dörfchen des Bogelsgebirges zu Besuch weilte, wo jene mir damals noch fremde Tinrichtung bestand, da erhielt ich Freitag nachmittags regelmäßig von meinem am äußersten Tnde des Dorfes wohnenden Onkel den Auftrag, mich an's Fenster zu setzen, uni den Schulrufer abzuwarten. Ts dauerte gewöhnlick gar nicht lange, da wurde unten im Dorfe eine schmächtige Uckinnergestalt sichtbar, die eiligen Schrittes bis zum freien Blatz, der durch zwei sich kreuzende U)ege gebildet ist, näher kam, die hohlen b)ände an den Ulund legte, um dem Schall eine größere Araft zu verleihen und dann mit aller Anstrengung nach jeder Aichtung rief: „In Schulen!" Batte er es besonders eilig, d. h. war die Zeit der Gebete schon sehr nahe, so machte er's kurz: „Schulen!" Im nächsten Augenblicke schon eilte dann die israelitische Tinwohnerschaft in Festkleidern dem Gotteshause zu. Aecht lästig wurde dieser Dienst in den oft schon rauhen Berbstmorgen, kurz vor dem heiligen Rauscli-haschono, wo inan in jenem Dorfe und in vielen Genieinden heute noch — um vier Uhr niorgens schon zu Selichoth in's Gotteshaus ging; da niußte näiiilich der Schulrufer zur frühsten Ulorgenstunde an jedes jüdische Haus klopfen, uin die Bewohner derselben aus den: Scklafe zu rütteln, daß sie zuiii Gebete sich erheben, so wurde aus dem Schulrufer der Schulklopfer! Daß die Gcineinden, wo derartige Tinrichtungen vorhanden waren oder noch sind, die nur infolge der mit peinlichster Ge wissenhaftigkeit beobachteten und oft allzuwörtlich genoinnienen religiösen Borschriften ihre Tntstehung verdankten, die Mitglieder noch streng religiös, oder wenn ich den landläufigen Ausdruck gebrauchen soll, sehr fromm waren oder sind, versteht sich von selbst. Da genießt z. B. niemand des Morgens etwas vor dem Gebete und selbst am Sabbath Morgen wird erst nach dem Gottesdienste der erste Imbiß genommen, vorher aber nur eine Tasse Aaffee getrunken, der selbstredend

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