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Israelitischer Jugendfreund · 1897-01-01 · 4 (1897) · p. Seite 54

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
3 (1897)
Issue
4 (1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 machen, um ihre Schuld zu sühnen. Diese hatte es aber verstanden, sich den Nachforschungen zu entziehen. IDie schwer mußte dieses junge Iveib durch sie gelitten haben! Gewiß hatte sie unermüdlich um den Lebensunterhalt für sich und ihr Aind gearbeitet, ihr Talent war ihr zur Segensquelle geworden; hatte doch ihr Gatte stolz auf sein väterliches Erbe verzichtet und ihr denmach nichts hinterlassen. Und doch war sie in der Lage, in ein Seebad zu gehen; sie und ihr Bind trugen sich einfach, doch elegant; wo sie sich zeigten, die junge, vornehm aussehende Drutter mit dem bildschönen Binde, folgten ihnen bewundernde Blicke. U)as der freundliche Kunsthändler der alten Frau über Fanny berichtete, trug den Stempel aufrichtiger Verehrung. Stöhnend und die Hände qualvoll ringend, ging sie auf ihrem einsamen U)ege, bis die Nacht ihre Schatten über die Erde breitete. „Gott, mein Gott," murmelte sie vor sich hin. plötzlich blieb sie stehen, und mit erhobenen Händen rief sie schmerzvoll; „Ulein Gott, o Du hast midi schwer geprüft, hart heimgesucht, ich habe nie gemurrt, ich trug in Ergebung, was Du mir auferlegtest; zu schwer habe ich mich an der bvaise versündigt! Doch Du bist ein allliebender Gott, barmherzig, gnädig und langmütig, Du bewahrst Deine Huld und vergiebst Schuld, ver^ gehen und Sünde! Gott, mein Gott, laß es genug sein der Buße, sende Frieden und Ruhe in dieses gequälte Herz, lenke ihren Sinn zur Verzeihung, zur Versöhnung!" Tieferschöpft kehrte sie endlich heim; lange noch schritt sie ruhelos iu ihrem Zimmer auf und nieder; erst im Morgengrauen fand sie den bis dahin vergebens ersehnten Schlaf. Trudchen war sehr müde heimgekehrt und wollte bald zur 'Buhe gebracht werden. Es war dies ihrer Mutter sehr erwünscht. — Sie bedurfte der Buhe, denn zuviel war in dieser Abendstunde auf sie eingestürmt. IDie vor wenigen Mochen finden wir sie Stunden lang in Gedanken verloren am Bettchen ihres Bindes sitzen, den friedlichen Atemzügen lauschend; auch heute waren ihre Gedanken nicht freundlicher Natur, dies zeigte der beschleunigte Herzschlag, das fieberglühende Antlitz, der starre Blick, der gespannte ernste Ausdruck der Züge. Zu tief war ihr Inneres von der unverhofften Begegnung mit ihrer Schwiegermutter erschüttert und aufgewühlt worden, zu tief hatte sie die Veränderung, die jene stolze Frau in eine reuige Büßerin verwandelt hatte, ergriffen. Hatte jene Frau auch wahrlich, so lange sie denken konnte, nichts gethan, um sich ihre Liebe zu erwerben, sie war und blieb die Mutter des Mannes, den sie so heiß geliebt, dessen Namen sie trug, den sie ach so früh hatte in die kühle Erde betten müssen! So schwer jene Frau gegen sie gefehlt hatte, so bitter sie auch von ihr gekränkt worden war, sie konnte der vereinsamten alten Frau ihr Mitleid nicht versagen. „Dreine Tante hat mit mir Jane Eyre aufgeführt," hatte das zwölf-

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