Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 3 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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46 keinen Blick von den vier Buchstaben, die innner weiter hervorzutreten schienen, weil der Blond inzwischen auf seiner hohen Bahn weiter gerückt war und so das Licht durch ein Seitenfenster hereinfiel. Als wir merkten, daß die Blüdigkeit uns übermannte, da sprachen wir unser Nachtgebet still und ruhig: „Liehe, er schläft und schlummert nie, der Hüter Israels. Auf deine Hilfe hoffe icb, Ewiger. Ich hoffe, Ewiger, auf deine Hilfe; Ewiger, deiner Hilfe bin ich gewärtig. Im Namen des Ewigen, des Gottes Israels, mir zur Rechten Blichael, nur zur Linken Gabriel, vor mir Uriel, hinter mir Raphael und zu meinen häupten die Herrlichkeit Gottes. Erbebt und sündiget nicht, denkt nach in eurem Herzen auf eurer Lagerstätte und verhaltet euch still. Sela!“ Bus war, als ob jedes dieser Worte für uns geschrieben sei. Die Stille des Gotteshauses war in unser Herz eingezogen. Arm in Arm verschlungen, Hand in Hand entschliefen wir, und ein glücklicher Traum entrückte mich in die Anne der lieben Eltern. Da horch! was war das? Wir fuhren durch ein heftiges Geräusch äh aus dem Schlunnner empor. Bon Hellem Lichte fühlten wir uns geblendet. Bon neuem das merkwürdige Geräusch: der Riegel der Innenthür schiebt sich zurück. „Unser Albert!" „mein Wilhelm!" so riefen Alberts beglückte Eltern und meine Blutter aus, die sich in ihrer innigen Liebe nicht wie wir die Ruhe des Schlummers gegönnt hatten. Sie hatten die ganze Zeit nach uns geforscht, bei allen Familien war unsertwegen Nachfrage gehalten worden, an allen unseren Lieblingsplätzen hatte man nach uns vergeblich geforscht. Natürlich hatte man auch daran gedacht, uns in der Synagoge zu suchen; aber der alte Tempeldiener hatte sich hoch und heilig verschworen, er hätte uns Arm m Arm hinausgehen sehen, und ebenso sprach ein Synagogenbesucher. Diese ehrliche, Täuschung hätte ohne die Liebe meiner guten Bmtter uns das Leben kosten^können. Nun waren alle Angst, alles Leid und alle Sorge, alle guten Borsätze vergessen, denn ohne die Wcahnung von Alberts Bater hätten wir die heilige Stätte in eiliger Flucht verlassen. Er aber sprach, indem er auf die vom mitternächtigen Blonde zauberhaft erleuchtete Synagoge hinwies: „Wie furchtbar ist diese Stätte. Wahrlich, nicht anders als ein Gotteshaus . . .! Dann sprach er uns noch ein kurzes Gebet vor, das man nach einer Errettung aus Todesgefahr zu sprechen pflegt. Und im Herzen geläutert verließen wir den heiligen Raum. Dr. W. N.