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Israelitischer Jugendfreund · 1897-01-01 · 3 (1897) · p. Seite 38

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Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
3 (1897)
Issue
3 (1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 38 (sequence 6)
Language
German
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38 Doch in diesem Augenblicke warf das schlafende Rind sich unruhig auf die andere Seite; erschreckt beugte sich die wutter über dasselbe; der süße Kindermund zuckte wie in heftigem Schmerze, und im Traum befangen lallte es weinerlich: „Ach nun bleiben wir doch hier!" „Nein, Nein, niein Liebling," flüsterte die wutter weich und zärtlich. Fortgeweht war aus ihren Zügen alle Bitterkeit, alle Härte, nur Liebe leuchtete aus ihnen, diese innige, heiße Liebe für das sonst schutzlose schlafende Wesen, das ihr gehörte, ihr ganz allein, das ihr Schatz, ihr Kleinod, ihr Ein und Alles war, auf das niemand Anspruch hatte. * * * Daß doch angenehme Zeit so schnell vergeht! Die schöne Ferienzeit war bald vorüber! Frau Werner dachte es mit stillem Bedauern, indem sie dabei nach ihrein Töchterchen blickte, das munter spielend mit kleineren und größeren Gefährtinnen sich unten am Strande tummelte. Wie wurde da gegraben, geschaufelt und gebaut. Trudchen war sichtlich erstarkt; sie war überall bekannt, nicht nur unter den Kindern, während Frau Werner sich von dem großen Strom der Badegesellschaft entfernt hielt und ganz für sich lebte, wie sie es auch daheim that. Sie sehnte sich nicbt nach Bekanntschaften, im Gegenteil, sie wich ihnen aus, wo und wie sie nur immer konnte. Sie liebte es, mit ihrem treuen Begleiter, dem Skizzenbuche, ein Plätzchen in den Dünen aufzusuchen, von dem aus sie ihr Kind beobachten konnte, um hinaus zu schauen auf die weite wogende See, still dem Bauschen der Wellen zu lauschen, ihr wechselvolles Spiel zu beobachten, bisweilen eifrig den Stift führend. Das Lachen und Jubeln der munteren Kinderschar tönte oft an das Ohr der einsamen Frau, welche häufig das Spiel der Wellen mit dem Leben der Brenschen verglich. Zn ihre Gedankenwelt verloren, hatte sie keine Ahnung, daß sie oftinals selbst der Gegenstand der Beobachtung eines Badegastes war, einer älteren Dame, die einsam am Strande weilte, wo sie die rauschenden Wellen beobachtete gleich jener, ebenso oft auf die spielenden Kinder schaute und sie verlangend mit ihren Blicken suchte, es aber peinlich vermied, von ihr gesehen zu werden. Jetzt kam ihr Töchterchen auf sie zugeeilt, auf halbem Wege plötzlich einen woment stehen bleibend, grüßte und nickte sie mit den kleinen Händen und dem Köpfchen nach einer Stelle in den Dünen und lief dann mit verdoppelter Schnelligkeit auf ihre wutter zu: „Nicht so wild laufen, Du erhitzest Dich zu sehr!" sagte die wutter fürsorglich. Und nach kurzer Pause fuhr sie fort: „Sag einmal, Trudchen, wen grüßtest Du denn da eben so sehr vergnügt?" und hielt das Kind einen Augenblick am Bäckchen fest. Das kleine Wädchen beugte sich schnell zurück und flüsterte geheimnisvoll: „Das war die alte Dame, die mich schon mehrmals geküßt hat. Zch wollte es nicht leiden, wollte ihr sagen, meine Wama bat es verboten, aber

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