Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 3 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 37 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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87 Der jungen Frau schien es jetzt erst zuin Bewußtsein zu kommen, daß sie den Kunsthändler nicht einmal gebeten habe, weiter zu kommen; mit halbem Lächeln sagte sie: „Die Rüche ist ein eigentümlicher Ort für unsere Unterhaltung, und ich habe Ihnen noch nicht einmal für die frohe Botschaft gedankt." „pah, Dank! Es war einfach Pflicht, Ihnen den glücklichen Verkauf Ihres Bildes bald zu melden; nun wird Ihnen und Trudchen das Mittagessen doppelt gut schmecken! Verfügen Sie also zu jeder Zeit über tausend Mark." Frau Werner neigte leicht das Haupt, und reichte dem freundlichen Manne die Hand, die er in warmem Drucke faßte und leicht an seine Lippen führte. Mit tiefer Verbeugung gegen sie, dem Rinde, das ihm mit artigem Rnixe das Händchen reichte, die klare Stirn küssend, verließ er die Mutter und das Rind. Unterwegs nmrmelte er vor sich hin: „Brave, tüchtige Frau! Sie hat es verdient, daß ihr Fleiß und ihr Talent nicht unbeachtet blieben." Abends saß Frau Werner am Bettchen ihres schlafenden Lieblings und rechnete. U)ürde sie ihren! Rinde den Herzenswunsch erfüllen und einen Sommeraufenthalt aufsuchen können. Sk selbst wünschte es sehnlichst; dem zarten Rinde würde Landluft oder noch besser Seeluft von großenr Nutzen sein; hatte dies nicht schon im verflossenen Sommer der Arzt dringend geraten? Und sie selbst fühlte sich auch oft so matt. Sie seufzte! wenn sie krank würde? Nicht mehr malen konnte? Sie dürfte nicht in ihrer Arbeitslust und Arbeitsfreudigkeit erlahmen, und darum wollte, mußte sie einen Teil der aus dem Verkaufe des Bildes erlösten Sunnne zur Stärkung ihrer eigenen wie des Rindes Gesundheit verwenden, wenngleich sie das Geld bei weitem lieber unangetastet auf die Sparkasse getragen hätte. Und gewiß, neue Eindrücke würden sie nicht allein körperlich erfrischen, sie auch geistig beleben, ihre Schaffenskraft steigern, so daß sie bei ihrer Heimkehr neben den bestellten Malereien auch wieder an eigene Rompositionen sich würde wagen können. Sie klappte das Buch zu und blickte gedankenvoll vor sich hin, bis sich ihre Mienen verdunkelten, ein unendlich bitterer, schmerzvoller Zug sich um den feinen Mund lagerte. Stunden vergingen, ehe sie aus ihren Träumen erschreckt auffuhr. welche Bilder mochten vor ihrem geistigen Auge aufgestiegen sein, als sie so in Gedanken versunken in der mondhellen Nacht am Bette ihres Rindes den ruhigen regelmäßigen Atemzügen' desselben lauschte. Reineswegs waren es freundliche Gedanken, die sie erfüllten und bewegten; wie um dieselben zu verscheuchen, strich sie mehrere Male mit der Hand über die weiße Stirn, die schlanke Gestalt richtete sich stolz auf, die feinen Lippen preßten sich fest auf einander, als sollten sie sich nie mehr zu einem frohen Lächeln öffnen, als wollten sie bittere Worte, die sich den weg darüber zu bahnen strebten, zurükdrängen!