Mannheim
Compact Memory

Israelitischer Jugendfreund · 1897-01-01 · 2 (1897) · p. Seite 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
3 (1897)
Issue
2 (1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 23 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9620171-9626621-9621689--0464-9621696
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 23 — andere Zeitunzen hatten den Namen Giacomo S. schon durch ganz Deutschland getragen; über seine ausgezeichnete Technik herrschte nur eine Stimme, und noch neuerdings war das Interesse sür den jungen Künstler in hohen: Grade gesteigert. Dian erfuhr nämlich, daß er in einen: Koncert, das er in Krakau gegeben, das Herz einer sehr reiche:: Russin gewonnen und diese ihn: bereits vermählt sei. Btan bestellte in: voraus Billets; das Koncert versprach überfüllt zu werden. Eines Abends fuhr ein eleganter Reisewagen vor an: Hotel B., den: vornehn:sten Gasthause der Stadt, ein kleiner Herr stieg aus und hob langsan: eine schlanke, in Pelz gehüllte Dan:e heraus. Die Zimmer waren schon in: voraus bestellt, also geheizt :n:d erleuchtet sür den sehnlichst erwarteten Herrn Giacomo S. mit seiner Gemahlin. Kaum in: Salon eingetreten, warf Giacomo einen Blick aus seine Uhr und sagte unruhig zu seiner Frau: „Ich habe inbetreff des Koncerts noch einen wichtigen Besuch zu machen, liebe Irma, n:ach' Dich aus eine, vielleicht auch zwei einsame Stunden gefaßt. Ich werde Dir aber vorher noch einige Bücher auspacken." Er that es. Die blonde Dan:e stand eben vor den: großen Spiegel, ordnete ihre Locken und strich die Spitzen und Falten des schweren schwarzen Atlaskleides zurecht. 2Hit den: Ausdruck übelster Laune wendete sie ihr feines, kaltes Gesicht ihren: Wanne zu: „Mai&r mon eher! ich glaubte, wir würden noch in die Oper fahren, es ist ja eben erst sechs Uhr?" — „Nein, gieb diesen Gedanken auf; ich habe wichtigeres zu thun. worgen werden wir ja mitten in: Strudel der Gesellschaft sein; füge Dich heute in diese kurze Einsamkeit." 2Nadan:e schmollte; 2No::sieur wickelte sich in seinen 2Nantel, denn es war Winter, und verließ zu Fuß das Hotel. Durch viele kleine Straßen ging er, und immer rascher wurde sein Schritt; er kan: endlich in die ärnffte der Gassen: sie war fast dunkel, aber das Haus, das er suchte, sanier doch, und kletterte eine alte Stiege hinauf und pochte an eine Thür. Eine schwache Stinnne ries ihn Herei::, und Jakob stand seiner wutter Sarah gegenüber. Die schlechte Laterne, die aus der Straße brannte, warf ihren schwachen Schein grade in's Zinnner, und er sah die alte Jüdin, wie sie mit den: Rücken an die wauer gelehnt, fast wie ein Steinbild da saß. „wer ist da?" fragte sie, aber ohne sich zu regen, auch öffnete sie die Augen nicht; die arn:e Frau war blind geworden von vielen Thränen. „Jakob ist's, 2Nutter," antwortete der Sohn und küßte ihre mageren Hände mit der vollen, rührenden Pietät, die den Juden im Verhältnis zu seinen Eltern auszeichnet. „Komm' her, daß ich Dich segne," sagte sie weich, aber ohne Freude mit einer seltsamen Ruhe. Als er sich ihr ganz genähert, richtete sie sich auf, fuhr mit der Hand prüfend über sein Gesicht nnd seine Kleidung und küßte ihn auf die Stirn; aber alles dies so ohne Erregung und hast, als habe sie ihn erst vor einer Stunde geliebkost. „Du bist noch arm, gute wutter," sagte Jakob nach einer Pause, in der er sich im Zimmer umgesehen und alles, alles noch gefunden, wie er es damals vor zwölf Jahren verlasse::: das Bett der Knaben, die alten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.