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Israelitischer Jugendfreund · 1897-01-01 · 2 (1897) · p. Seite 22

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Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
3 (1897)
Issue
2 (1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 22 (sequence 6)
Language
German
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22 vielen Zeichen und Namen fragte, die ich nicht wußte. Ach, er sah ja nicht, wie toll sie waren, die schwarzen Dinger, nach welchen er mich fragte! „Zur Strafe Deiner Faulheit erhälst Du heut kein Abendessen," hieß es oft. Mutter, der junger that nicht so weh wie der Gedanke, daß ich nimmer, nimmer ein Mozart werden könne!" „Spät abends da war's mir immer am wohlsten, da setzte ich mich an das kleine Rlavier und wußte, daß es niemand hörte, wie ich daraus herumgriff. Dann hörte ich aber Musik, ja glaube mir's nur! Mb ich spielte oder eine höhere Macht meine steifen, ungelenken Finger berührte, ich weiß es nicht, aber die Orgel tönte wie damals in den Rirchen der Christen, als ich draußen lauschte, und ich fühlte keine Schmerzen, keinen Hunger, keine Traurigkeit und keine Sehnsucht. Eines Abends kam aber mein Lehrer früher nach Hause und hörte mich spielen, kam heraus und schalt mich einen albernen Träumer und Alingerer. Am andern Tage ließ er das kleine Rlavier in sein Zinnner tragen, nun könnt' ich nur dort und nie mehr abends spielen!" „Don meinem Bruder wurde ich gleich anfangs getrennt; er sei viel weiter als ich und lerne viel, sagte man mir. Die langen, schweren Tage, die stillen, dunkeln Abende machten mich endlich krank, gute Mutter, und in dieser Arankheit sah ich Dich deutlich an meinem Bette, und Deine Hand hat mir die Rissen gerückt und die Stirn getrocknet. Du hast sie auch mit mir hören dürfen, die Mozart-Musik, die ich immer hörte! Mutter, ich weiß doch, was Harmonie ist, wenn ich auch die Lehre vom Generalbaß nicht begriff; ich weiß, daß es echte Musik ist, nach der meine Seele verlangte, so lang ich denken kann. Und diese Seele läßt sich nun nicht mehr halten, ich gehe dahin, woher der goldne Strom kommt, zu der Töne Urquell. Zch war selbst nur ein verlorner Ton, zu dern sich hier auf der Erde kein Akkord finden wollte. Nun weißt Du, welche Reise ich meinte, gute Mutter; Du wirst sie mir gönnen. Sie sind jetzt alle gut zu mir; unser Beschützer Herr G. ist da, ich wohne bei ihm, ich sehe aus meinen Fenstern in einen Garten, und nicht gar zu weit liegt eine Airche, und da kommen oft Orgeltöne zu mir herüber und reden wie Brüder mit mir. Mir ist unendlich wohl, ich fühle, ich werde mich so sanft auflösen, wie ein Rlang in weicher Nachtlust. Gute Nacht, Mutter, auch Dein Sabbath wird kommen. David." An den Rand des Briefes hatte Jakob mit fester Hand die Worte geschrieben: „Der Bruder ist tot; es war das Beste für ihn; er paßte nicht für Arbeit und Mühe. Wann ich zu Dir komme, weiß ich nicht, aber arm komme ich nicht. Herr G. hat mir einen h>latz in der großen Musikschule verschafft." Zehn Jahre waren vergangen, seit das vorliegende Blatt in die niedere Stube der armen Sarah flog, da verbreitete sich plötzlich das Gerücht, daß ein ausgezeichneter junger Rlaviervirtuos, Schüler des berühmten G., nach F. zu xo.nmen und daselbst ein Aonzert zu geben beabsichtige. Musikalische und

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