Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 24 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 381 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 381 — und ein ehrwürdiges Aussehen, die Leute nannten ihn „Herr Doktor;" denn er war ein Arzt, er übte jedoch nur selten seine Runst aus,' weil er schon alt und dabei sehr reich war. Nur dürftige Rranke behandelte er, aber unentgeltlich, und gab ihnen Medikamente wnsonst, denn er war ein gar gütiger Herr. Irina mußte nun ihm und seiner Frau ihre Geschichte erzähleil, und beide wareli sehr gerührt davon. Der Doktor nabm daraus Papier und Feder und schrieb an Irma's Eltern, daß ihr Rind bei ihln sei, und sie es sich abholen köimten. Sie brauchten sich aber nicht zu eilen, weil ihr liebes Mädchen in guten Händen sei. Als der Brief geschrieben und fortgescbickt war, wurde Irma so sroh, wie sie es scbon lange nicht geweseil. Nur eines drückte sie, und das war die Sorge, wo der Pater das viele Geld zu der Reise hernehnlen werde. Sie wußte ja, daß er sich nur kümmerlich nähre. Tags daraus gab es viel zu thun im Hause, und Irma half wacker mit. Der Doktor wollte nämlich an diesem Abend, weil es der letzte des Ehanukafestes war, seinen Enkeln eine kleine Unterhaltung bereiten und hatte sie und noch einige Nachbarkinder zu einem Abendschmause eingeladen. Alan war mit den Borbereitungen gerade fertig geworden, als die eingeladenen Rinder kamen; zuerst die Enkel, die hübsche Iblla und der muntere schelmische Bela, dann die anderen kleinen Gäste. Sie kaimten sicb alle untereinallder und grüßten sich freudig; die Rnaben drückteli sicb die hälide, die Mädck»en küßten sich. Nur Irma allein war frenld Nlid staild scbüchtern beiseite. Fremd fein, wo alle andern sich kennen uild lieben, das thut weh. Die gute Hausfrau wußte das, darum nahln sie Irma bei der Hand und machte sie schnell mit den Rindern bekanllt. Nachdem der Doktor die Thanukalichtchen angezündet und alle das herrliche Moaus zur j’schuus.si gesungen hatteil setzte man sich rings um den Tisch. Daiin öffnete der alte Herr ein allerliebstes, rundes Elfenbeinbüchschen, zeigte dariii vier fuiikelneue, glänzende Dukateii und sprach: „Derjenige' von eucb, der inir erzählen kanil, weshalb wir Iudeil alle Jahr Thanuka oder Teinpelweihfest feiern, der befoTimit als preis diese Dukaten." „Ich, ich weiß die Geschichte!" riefeil die ineisten Stimmen; worauf der alte Herr eiltgegnete: „Gebt wohl acht! Die Sache wird nicht so leicht sein, wir ihr denkt. Die Geschichte inuß ordeiltlich und hübsch erzählt werden, welcher Erzähler das nicht kailil, etwas zu berichteil vergießt oder mehr als einmal stockt, der verliert nicht ilur den Allspruch auf den ausgesetzten Preis, soildern bekomnlt zur Strafe diese Narreilkappe da mit deil Schellen auf 6en Ropf, und die ailderil dürfen ihn ilach Belieben auslacheil." „Überlegt es euch," fuhr der Doktor fort, „zehn Minuten gebe ich eucb Zeit dazu. Inzwischeil köililt ihr euch mit einigeil Näschereien vom Tische da erquickeil." Nach Verlauf der zehil Minuten erklärteil nur noch drei der Rinder, sie wollteii um den Preis werben. <£in Mädchen, Luzza genannt, des Nachbars Söhnchen, pista wld des Doktors Enkel, Bela, waren diejenigeil, die es versucheil wollten.