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Israelitischer Jugendfreund · 1895-01-01 · 18 (1895) · p. Seite 280

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Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
1 (1895)
Issue
18 (1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 280 (sequence 6)
Language
German
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280 waren. Unter diesen befand sich zu Rodenheins großer Verwunderung auch der Rabbiner der Gemeinde. Die Vernehmung Rodenheins war eine ungemein weitgehende und umfaßte feinen ganzen Lebensgang. Im Verlaufe derselben hatte er sowohl Aussagen zu machen bezüglich seines Verhältnisses zu Lattiloff, als auch die Wahrnehmungen anzugeben, die er sonst in seiner Gesellschaft gemacht. Schließlich wurde auch der Alub in der ^eldstraße erwähnt und Selmar von dem Polizeirichter aufs strengste ermahnt, das anzugeben, was er von diesem Alub und seinen Zwecken wisse. Rodenhein wußte, daß er hier vor dem Vertreter des Gesetzes stehe, und fühlte sich von feinem Gewissen gedrängt, alles mitzuteilen, was er von Lattiloff über den Alub und feine Bestrebungen erfahren hatte, obgleich er Iwan Schweigen gelobt hatte. Seine Aussagen wurden ihm nicht leicht, denn er konnte sich deren folgen für Iwan wohl denken. Aber mußte er nicht die volle Wahrheit sagen und beschwören? Durfte er das, was er wußte, verschweigen? Der Wahrheit und Gerechtigkeit darf durch keinerlei Rücksicht Abbruch geschehen. Die Vernehmung Rodenheins war zu Ende, der Richter wandte sich an den anwesenden Rabbiner. „Wollen Sie uns nicht, Herr Rabbiner, mit dem Inhalte der in diesem Buche sich befindenden hebräischen Notizen bekannt machen?" Der ehrwürdige Greis trat an den Tisch, las in dem ihm dargereichten Notizbuche und bekundete, daß die Ginzeichnungen Grabschriften seien, deren Übersetzung er auch sogleich vortrug. „Zu welchem Zwecke haben Sie die Grabschriften in das Buch gezeichnet?" wandte sich der Richter jetzt an Selmar. „In erster Reihe zur Erinnerung an meine Eltern, dann aber sollten mir die Bibelsprüche in gewissem Sinne Lebensregeln bilden." Der Richter gab Selmar das Buch zurück un6 sagte dabei: „Bewahren Sie auch weiter diesen würdigen Gegenstand, er wird Ihnen auch in Zukunft die besten Dienste leisten, indem er Sie auf dem Pfade der Wahrhaftigkeit und des Rechtes erhalten wird." Nachdem Rodenhein noch das abgefaßte Protokoll unterschrieben hatte, wurde er entlassen. Er verließ das Polizeibureau mit geteilten Empfindungen. Er konnte sich einerseits von dem Vorwurfe nicht freisprechen, daß er mit seinen Aussagen sowohl Lattiloff als den Alub starck belastet hatte — und das that ihm wehe; allein er fühlte zugleich, daß er dabei nur so gehandelt, wie es ihm die Pflicht und das Gesetz vorgeschrieben hatten. Als Selmar einige Tage darauf an einem finstern Abend feine Arbeitsstätte verließ, um sich auf den Heimweg zu begeben, stürzten plötzlich aus einer Nebengasse zwei dunkle Gestalten auf ihn zu, von welchen eine mit dem Rufe: „hier hast du den Lohn, für das, was du gethan, Verräter!"— ihm einen Dolcb in die Brust stieß, worauf beide im Dunkel der Straßen verschwanden. Sebnar fühlte sich verwundet; allein er erkannte zugleich, daß die Verletzung keine bedeutende sein könne, da der Stoß an dem Notizbuche in der Brusttasche seines Rockes Widerstand gefunden hatte. Er eilte nach Hause und teilte 6em Hauswirt den Vorfall mit. „Ich ahnte es wohl, daß so etwas noch kommen werde," — sprach

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