Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 15 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 227 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Talisman oder Zwei Grabschriften. Erzählung von M. Zcherbel. ' (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Unsere beiden Freunde hatten sich nun soweit erholt, daß sie sich erheben und Umschau halten konnten, wo sie sich befanden. Die Unglücksgefährten hatten ihnen bereits gesagt, daß Land in Sicht sei, und daß man hoffen dürfe, von den Aüstenbewohnern bemerkt und gerettet zu werden. Es war die Insel Tristan da Tunha, welcher man nahe war. Sie war von den Portugiesen bei ihrer ersten Fahrt nach dem südlichen U7eere entdeckt worden. An ihren Allsten findet matt Seekälber, Seelöwen und Fettgänse. Das Land ist sehr fruchtbar, inan baut es an und pflanzt darauf vornehmlich Zucker. Auch eitlem großell Teil der übrigeil Passagiere war es gelungen, sich auf den Fels zu retteil. Unter ihilen befalld sich auch der Aapitän. Der besonnene lUann ließ, als sich das Uleer beruhigt hatte, die auf demselben umherschwimmellden Trümmer des Schiffes, soviel derselben zu erreichen waren, herbeiholen. ITian begann aus ihnen ein Boot zu bauen, um, wenn nicht anders, auf diesem nach der unfern liegenden Insel überzusetzen. Inzwischen that die heiße Temperatur dieses Himmelstrichs das ihrige, um den in ihren Aleidern durchnäßten Passagieren zu Hülfe zu kommen. Die Aleider wurden, insoweit es anging, ausgezogell und auf denl Felsen ausgebreitet. Lindenberg und Rodenhein befanden sich bei diesem Geschäfte nebeneinander. Sie hatten ihre Uberröcke abgelegt. In den Taschen derselben befand sich, stack durchlläßt, alles das, was sie voll ihrell Habseligkeiten gerettet hatten. Die Barschaft, die sie besaßeil, war iit den verloren gegangenen Aoffern aufbewahrt gewesen; nur wenige Goldstücke hatten sie in den Taschen. In diesem Augenblick hielt Rodenhein iilne; er schien sich auf etwas zu besinnen, fuhr nochmals in die Seitentaschen des Rockes, durchstöberte die Papiere in derselben und hielt, wie erschrocken, still. „Was haben Sie, fehlt Ihnen noch etwas?" fragte Lindenberg. „Gewiß!" erwiderte Rodenhein und durchsuchte nochmals die Taschen, aber vergebens. „Ist es denn so wertvoll, was Sie vermissen?" „Für nnch allerdings — doch warten Sie." — Tr fuhr in die Brusttasche der U)este. — „Gott sei Dank!" rief er voller Freude, „ich habe das Gesuchte bei mir." Und Rodenhein zog ein kleines Notizbuch hervor. „Ist es weiter nichts als dieses, und was hat es für eine Bedeutung?" fragte jener. „Ich will es Ihneil sagen, Lindenberg," erwidecke Rodenhein, das Büchlein, das wohl auch naß geworden, sich aber doch besser als alles andere erhalten hatte, auffchlagend, „sehen Sie" — und er wies auf die hebräischen Schriftzeichen darin — „das sind die Inschriften der Grabsteine meiner Eltern; diese Grabschriften sollen nnch durch das Leben begleiten, und ich wäre unglücklich gewesen, wenn mir das Buch verloren gegangen wäre."