Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 14 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 216 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 216 verließ der Zar gegen Abend sein Palais und begab sich wie gewöhnlich ohne jegliche Begleitung nach der Einden-Allee außerhalb der Stadt. Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne, von rötlichen Wolken umgeben, spiegelten sich, in den vergoldeten Kirchtürmen, dann tauchten die pnrpurblauen Schatten des Abends auf, und die Fläche des Sees Zur Rechten des Fahrwegs erzitterte in nmttgoldenen und violetten Farben. Ergriffen von den: herrlichen Abenöbilöe, stand der Zar in anbetender Bewunderung der Alajestät der göttlichen Ratur, als er plötzlich aufhorchte; denn er vernahm nahende Schritte, und sich umwendenö, gewahrte er einen ehrbar aussehenden, alten Hilden. Line weile standen sich die beiden Alänner schweigend gegenüber, ohne die prüfenden Blicke von einander Zn wenden. Endlich winkte der Zar den ^uden heran. Gemessenen Schrittes näherte sich jener und fragte: „Sie wünschen, mein Herr?" „warum ninunft Du den Hut nicht ab?" gab der Zar gemütlichen Tones die Frage Zurück, „weißt Du denn nicht, wer und was ich bin?" „Und wissen Sie, mein Herr, wer und was ich bin?" „G, dazu", lachte der Zar, „gehört nicht viel; wer würde es nicht gleich beim ersten Anblick merken, daß Du ein «Z^ö» bist?" „Zvö, Z^d," wiederholte der ^uöe gelassen, aber unwilligen Tones, „Herr! wenn ineine Augen mich nicht täuschen, gehören Sie Zur besseren Gesellschaft, und deshalb mutz ich mich umsomehr wuüdern, daß Sie sich eines solchen Schimpfwortes bedienen, ^ch setze voraus, daß Sie die fünf Bücher Aloses, die Propheten und Psalmen gelesen haben. Fanden Sie in diesen, auch ^hnen heiligen Büchern je das Wort «Zv^d»? Die ^juden sind in unverbrüchlicher Treue ihren: Gotte und ihrem Kaiser ergeben und verdienen diesen Schandnamen nicht. Da Sie, ein Alaun der besseren Gesellschaft, mich mit «5\;ö» anredeten, gebietet mir mein Ehrgefühl, sjhnen nicht weiter Rede Zu stehen — Adieu!" Der Zar merkte, daß der Zufall ihm einen Alaun in den weg geführt, der nicht wußte, daß er vor dein niächtigeil, gefürchteteii Kaiser Rikolaus steht. Das amüsierte ihn, er hielt den ^uden am Rockärmel Zurück und sagte beschwichtigend: „Entschuldigen Sie, ich wollte Sie keiiieswegs beleidigen. . . . Sind Sie aus Hoinel?" „Reiii!" . „Sie haben wohl hier Geschäfte Zu erledigen?" „Auch das liicht!" „And was sonst hat Sie hergeführt?" ,,^>ch kain, uni den Kaiser Zu sehen." „Ach so! Sie haben wohl ein Gesuch Zu überreichen?" „Bewahre! ^>ch bin, Gott sei Dank, mit meinem Eos Zufrieden und verfolge mit meiner Reise feinen anderen Zweck, als unferen glorreicheil Kaiser, für den wir allsabbathlich beten, und dem wir in Siebe und Ehrfurcht ergeben sind, voii Aiigesicht Zn Aiigesicht Zu schauen un6 alsdann den Gott unserer Väter mit den Worten Zu preisen: „Gelobt seist Du Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du von Denier Herrlichkeit initgeteilt hast dem Sterblichen." „Haben Sie denn den Kaiser noch iiieinals gesehen?" „Rein," erwiderte der Me, uiid ein Seufzer entraiig sich seiner Brust.