Mannheim
Compact Memory

Israelitischer Jugendfreund · 1895-01-01 · 13 (1895) · p. Seite 197

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
1 (1895)
Issue
13 (1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 197 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9620171-9621231-9621447--0229-9621452
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

erwerben kann, so zählen zu ihnen sicher auch diejenigen, die wir in der Unterbringung und Versorgung verlassener Maisenkinder vollbringen. Die beiden Anaben, von welchen wir also sprechen, sollen in kurzer Zeit das Maisenhaus verlassen, um ihrer beruflichen Bestimmung zugeführt zu werden. Sic kamen heute noch einmal hierher, um an den Gräbern.der Eltern''zu beten, um Abschied von ihnen zu nehmen, bevor sie hinauszogen in die weite, weite fremde. 5ie beten noch, und die Thränen, die ihnen dabei über die jugendsrischen Mangen rollen, verkünden uns, daß ihr ganzes volles 1)erz bei der Andacht ist, die sie verrichten. Zetzt erhob sich der Aeltere, schloß das ^Gebetbuch und sprach: „Selmar, man nennt zwar diesen Ort eine Statte des Lodes, aber weißt du, ich empfinde hier nichts Bedrückendes, Beängstigendes. jm Gegenteil, ein Gefühl der Beruhigung ist über mich gekommen, seit ich diesen Lriedensraum betreten und zu den teuren Eltern gesprochen habe, früher dachte ich fast ängstlich an die Zukunst, ich fragte mich, wie es mir wohl gehen werde draußen in der fremden Melt, wenn ich das Baus verlassen haben werde, wo ich bisher so viel Gutes genossen. Zetzt ist über mich ein festes Vertrauen zu der Zukunft gekommen, ich denke mit einer gewissen Zuversicht an sie." — „And mir geht es ebenso, Simon," antwortete der Andere, „vielleicht sind es die guten Geister unserer Eltern, die diese Beruhigung, diese Zuversicht ins 1)erz uns getragen haben. Erinnerst du dich noch, Simon, der schweren stunde, wo wir die Guten hier gebettet haben?." „Mie kannst du noch fragen, sie hat sich meinem Gedächtnisse viel zu schmerzlich eingeprägt, als daß sie je aus demselben schwinden könnte." 5ie traten vor den Reichen stein, dessen breite Fläche durch einen Farbenstrich in zwei Teile abgeteilt war; er sollte ja das lienfmal für zwei Tote bilden. Die Zuschrift daraus war hebräisch. Die Anaben hatten indes so viel gelernt, daß sie die Grabschristen verstanden. Sie blieben zuerst bei den Namen der hier Buhenden stehen „Ephraim Bodenhein" lautete die Zuschrift rechts und „Lina Bodenhein" die an der linken Seite des Farbenstriches. Das Auge der beiden Anaben haftete fest an diesen Namen, ganz als ob es von denselben nicht lassen könnte. Dann glitt es hinab zu den Bibelsprüchen, die unter den Namen' geschrieben standen: „Sollte ich einst den Tod der Bedlichen sterben, so wird mein Ende dem seinigen gleichen," war unter dem Namen des Vaters zu lesen, und — „Zch werde wandeln vor dem Ewigen im Lande des Lebens" — unter dem der Mutter. „Meißt du, Selmar," sprach der ältere der Anaben „ich habe einen Gedanken, nämlich den, daß wir uns diese Bibelsprüche abschreiben und sie zu den Mahlsprüchen unseres Lebens machen, dann wird es fein, als ob Vater und Mutter uns durch das Leben begleiten." And sie thaten es. Ein jeder von ihnen zog ein einfaches Notizbuch aus der Tasche, das ihnen der Maisenvater geschenkt, und nun begannen sie, so gut es eben ging, die Bibelsprüche in derselben Schrift, wie sie aus dem Leichenstein standen, in das Buch zu zeichnen. Alsdann, verließen sie mit einem nochmaligen innigen Blick auf die Buhestätte der Eltern den Friedhof. hinter ihnen schloß sich die Pforte desselben, aber über diesen hinweg rauschte und flüsterte es aus den Mipfeln der Bäume ihnen nach. Die Anaben vermeinten, die segnenden Stimmen ihrer Eltern zu vernehmen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.