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Israelitischer Jugendfreund · 1895-01-01 · 13 (1895) · p. Seite 196

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Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
1 (1895)
Issue
13 (1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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Der Talisman oder Zwei Grabschriften? Erzählung von ÜI. Zcherbcl. I. Kapitel. JUtf öcm Aviadhote. Es ivar ein herrlicher Zunitag. Die Sonne goß ihr Helles (id>t über die Landschaft hin, und ihr leudflender Sdiein traf einen weitgedehnten von hohen Minden und Pappeln umgebenen Dlatz, dein man es von außen nicht ansah, daß er in sich die letzten Reste entschlafener Ukenschenkinder barg, daß in ihm der Tod eine Keimstätte gesunden. Es war der heilige Raum, von den Zuden „Guter Grt" oder auch „Ewiges L)aus"'^'ch genannt — wo gar schon viele Uutglieder der jüdischen Gemeinde in G. die letzte Ruhe gesunden hatten. U)ir treten durch die offenstehende Pforte ein, und ein heiliger Schauer durchrieselt uns, indem unser Blick aus die langen Reihen Gräber fällt, aus die weißen, meist einfachen (eichensteine, deren hebräische und deutsche Zuschriften uns die Damen der in kühler Erde hier Schlummernden kund geben. Tiefe Stille waltet um uns her, doch als ob wir daran gemahnt werden sollten, daß es neben dem körperlichen (eben, das auf der Erde fein Ende erreidü, noch ein himmliches giebt, bewegt es sich raschelnd, nmrmelnd und flüsternd dort oben in den URpfeln der zwischen den Gräbern stehenden Bäume, ganz wie von Geistern erzeugt und hervorgerusen. Diese geheimnißvollen Töne der Blätterwelt, wenn sie aus dem Lried- Hose unser Ohr erreichen,- üben einen eigenen Zauber aus unsere Seelensümmung aus und versöhnen uns teilweise mit dem Schmerz, der uns überkommt, wenn wir die Stätte betreten, wo wir die gebettet, die uns im (eben so lieb und teuer gewesen sind. Doch wir sind in diesem Augenblicke nidfl allein an dem Orte des Friedens. IPh’ bemerken in einiger Entfernung zwei Knaben, von denen der ältere wohl \7 und der jüngere bis fb Zahre zählen mochte. Sie stehen vor zwei Gräbern, die indes nur einen (eichenstem haben, der freilich breiter als die übrigen des Friedhofes war. An diesen Gräbern beten die beiden Knaben, denn sie bergen ihnen das Teuerste, das sie einst besessen, die geliebten Eltern, die eine bösartige Krankheit kurz nach einander hinweggerafft. Ulit den beiden Knaben waren noch drei Ulädchen bei dem Tode der Eltern zurückgeblieben. Da die Verstorbenen mittellos gewesen, so blieb das U)erk der Versorgung der Kinder der Ulildthätigkeit überlasset!. Edle Ukenschen nahmen die IDaisenmädchen zu sid), während die Knaben im IDaisenhause die Vflegestätte fanden, wo ihr körperlidies und geistiges U)ohl überwacht und gefördert wurde. So vermögen gute Ulenschen, so vermögen edle, fronnne Stiftungen dem Unglück seine Schärfe und dem Elend seinen Zammer zu nehmen; und wenn es Handlungen giebt, durch welche der Ukensch auf Erden hier sich den Kimmel Nachdruck verboten. — Netb olain.

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