Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 12 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9620171-9621231-9621430--0215-9621438- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
184 IPas wir erzählten, klingt unglaublich, und doch ist es wahr und beweist, daß Herzensgute und Biederkeit den Blenschen ebenso wie Geistesgaben schmücken können und — wenn auch oft sehr spät — die Anerkennung und den wohlverdienten §ohn erhalten. Hör „Papyrus Ani“. Das „Totenbuch“, oder wenigstens einige Blätter daraus, wurden lei den alten Aegyptern dein Toten ins Grab mitgegeben. Er brauchte es nach ihrer Vorstellung dringend, denn es war ein richtiger Führer ins Totenreich bis zu den Segit hetep, den Gefilden des Friedens. Bis dahin musste der Tote lange, lange wandern, auf verschlungenen Pfaden, durch schreckliche Schluchten, und wer die Passworte nicht kannte, war verloren. Hatte er aber das Buch mit der Beschreibung des Weges, mit den Passworten und den Teufelsbeschwörungen, so kam er endlich am Ziele des Friedens an, als „ein Triumphierender“. Vier Texte (Inhalte) des Totenbuches sind bekannt. Um das Jahr 1900 v. Chr. wurden die Texte gesammelt und nun veröffentlicht. Geschrieben sind sie auf Papyrus, das ist das aus den Halmen der ägyptischen Papyrusstaude hergestellte Papier. Die Papyri jener Zeit sind hervorragend durch sehr schöne Schrift und die bunten Verzierungen. Einen solchen Papyrus hat die englische Regierung im Jahre 1888 für das britische Museum zu Theben in Oberägypten erworben. Diese Handschrift ist die grösste Abschrift des religiösen Werkes, 78 Fuss lang und geschmückt mit einer Menge schön gemalter Verzierungen. Die Verwaltung hat davon eine sorgfältig hergestellte Aachbildung anfertigen lassen, und der Professor Dr. E. H. Wallis Budge hat eine Uebersetzung davon besorgt, die an der Seite der Schrift steht. Geschrieben ist dieser Papyrus von Ani, einem vornehmen Manne; er teilt seinen Titel selbst mit als „Königlicher Schreiber, Aufseher der Getreidespeicher der Herren von Abydos, Kanzler der Einkünfte der Tempel zu Theben.“ Wie viele Vornehmen, schrieb er sich selbst seine Totenrolle, und während der Abschrift lernte er so die geheiligten Worte des Totenbuches auswendig. Dann war er seines Triumphes über die Unterwelt doppelt sicher. Die farbigen Verzierungen hat er wahrscheinlich später von einem Maler anfertigen lassen. Auf der einen sehen wir das Totengericht dargestellt: die Wägung der Seele. Anubis, der Todesgott, steht neben der Wage und prüft sie. Eine Inschrift über ihm lautet: „0