Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 8 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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123 wenn wir .Kinder ungezogen waren, wurden wir dort hineingesperrt, mit unsere Strafe abznbüßcn. Für mich war dieselbe indes nicht sehr hart; denn ich wußte mich mit den getrockneten Birnen, welche hier in einem großen Sacke standen, wohl zu trösten! Beim Unischauen gewahren wir hier einzelne Wirtschaftsgegenstände, welche für den .Haushalt unbrauchbar geworden waren und hier ihre alten Tage verlebten. Doch nun znm wichtigsten Teile des Hauses, zur Küche! Sie lag sechs Stufen hoch im Hofe, und meine Mutter hatte es nicht leicht, wenn sie tagsüber Trepp' ans, Trepp' ab nach Küche und Hauswesen sehen mußte. Die Küche war zwar klein, doch sehr freundlich. Links lag der große Kochheerd mit den messingnen Beschlägen, der nicht wie die heutigen Maschinen offnes Feuer hatte, sondern mit eisernen Platten versehen war, auf welchen das Essen lustig brodelnd stand. Über ihm befand sich der trichterförmige Ranchsang, auf dessen Sims die kupfernen Kessel und Fischpfanncn, der Stolz unserer alten Magd Marie, standen. Den halben Raum der Küche nahm der große Frühstückstisch ein, an bcm cs alle Abend einen wahren Sturm gab, wenn wir Kinder um unsere Mutter hernmstanden, um unser Teil von den auf dem Tisch liegenden belegten Stnllen in Empfang zu nehmen. Wer am artigsten war, bekam den Heldenpreis in Gestalt des „Renftcls", die Ecke des Brotes. Nun aber hinauf zur ersten Etage! Am Ende der vorhin beschriebenen Treppe befand sich ein langer Corridor, von welchem zwei Fenster nach dem Hof hinaus führten. Es sah hier oben sehr freundlich ans, die holzbekleideten Wände mit den bunten gedruckten Kattunvorhängen gaben ein in allen Farben spielendes Licht, und das auf der Erde nmherliegende Spielzeug machte einen „malerischen" Eindruck. Bor den Fenstern befand sich ein langer Tisch, auf dem im Winter Topfgewächse standen, im Sommer machten wir hier unsere Schularbeiten. Hier lernte ich die ersten Buchstaben schreiben, die ersten Säße lesen, wobei, wenn 'Mutter beschäftigt war, unsere alte Magd Marie helfen mußte. Kehren wir dem Tisch den Rücken und gehen den Eorridor entlang, so sehen tvir rechts und links eine Thür; hinter der rechts befindlichen lag unser Zimmer, hinter der linken das meiner Brüder. Doch wo führt die Thür in der Ecke hin? Wir werden cs sogleich erfahren; denn nichts darf unserem kundigen Auge verborgen bleiben. 'Wir klopfen an; bestürzt bleiben wir stehen, vor uns sehen wir eine alte Frau. Auf dem gutmütigen, mit Runzeln bedecktem Gesichte liegt ein erstaunter Zug; sie hat wohl unwillkürlich Fremde vermutet, dies können wir ans dem ihr in der Eile schief gerutschten Häubchen schließen. Ihre Kleidung ist ärmlich, aber sehr sauber: der braune, verschossene Rock, die gleichfarbige Taille mit den großen Pcrlmntterkuöpfen scheinen nicht von der neuesten Modeschnciderin zu stammen. „Wer ist sie?" werdet ihr fragen. Jeder Gassenbube meiner Heimat könnte euch darauf antworten. Sie ist das Unikum unseres Städtchens; von der Gemeinde nnterstüßt, sagt sie „nur nebenbei" Fleisch an. und alle Morgen erschallt ihre Stimme in unserer Küche: