Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 8 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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124 „Madam' Basch'en! Matzke hat „koscher" und Liuduer hat „treife" geschlachtet!" Durch das Wandern oon Hans zu Hans brachte sie meinen Eltern und auch uns Kindern stets den neuesten Stadtklatsch mit, und ich glaube, keine Verlobung konnte stattfinden, wenn sie nicht „Mutter Hanne" „unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit" meiner Mutter ein paar Tage vorher mitgeteilt hätte! Doch treten wir näher, denn das Stehen ans dem Corridor könnte uns langweilig werden. Von der niedrigen Decke des Zimmers hängt eine altmodische Öllampe herab; darunter steht der weißgedeckte Tisch mit den beiden Leuchtern, dem ausgeschlagenen Gebetbuch und dem Strietzel; es ist heute Freitag Abend! Geradeaus befindet sich der Glasschrank, ans dessen trüben Scheiben altmodische Tassen und ein paar Borsdorser Äpsel neugierig hervorlngen. Die daneben stehende mit vielen Malereien und Schnitzwerk verzierte Kommode hat wohl einst bessere Tage gesehen! In der That war der; Vater der alten Hanne ein reicher Kaufmann, der aber durch waghalsige Hopfcnspekulationen sein Vermögen verlor, schwermütig wurde und sich in die Deutzer stürzte, ans der man ihn tot heranszog. Diese Schicksalsschläge trafen seine Frau so hart, daß sie bald daraus ihrem Manne folgte. Damals war es mein Großvater, der sich der kaum siebenjährigen Johanna annahm und sie erzog. Seit 53 Jahren lebte nun die Mutter Hanne in Freud und Leid in unserem Hanse, und sie war es, welche uns durch Märchen und Lieder in den Schlaf sang. Kam der Frühling ins Land, und war das Wetter schön, so saß sie hinten im Garten unter den blühenden Kirschbänmen, das graue Umschlagetnch aut den Schultern, den langen Strickstrnmpf in den fleißigen Händen und schaute zu, wie sich die .Hühner im Sande badeten. Wir spielten abseits Ball und Reifenspiele und kamen nur ab und zu mit einer schönen Blume und einem bunten Schmetterling zu unserer Freundin. War es Sommer, und hatte der Gewitterstnrm die ersten goldgelben Frühbirnen vom Baume geschüttelt, so war es unser größtes Vergnügen, sie ihr hinauf zu tragen. An kalten Wintertagcn, wenn der Schnee fußhoch in Hof und Garten lag und den Zannpfählen ein weißes Häubchen schenkte, und meine Brüder schreiend und jubelnd um den ersten ^chn"ein^nn hernmsprangen, saß ich im warmen Stübchen bei ihr am Fenster und;'.v ... den wirbelnden Schneeflocken zu, wie sie auf und nieder tanzten, um sich weich auf dem Hof ausznbreiten. „Es ist der Erde ihr Winterkleid", sagte die Mutter Hanne, „und es hält ebenso warm wie das deinige, und die Löcher, welche du durch Unvorsichtigkeit hineinreißt, schmilzt ihr die Sonne an warmen Tagen, dein: das Kleid der Natur ist tute alles Irdische kurzandauernd und vergänglich." Und sie sollte Recht haben die alte Frau. — — „Doch jetzt wirst du doch nicht mehr mit dem spießbürgerlichen Leben tauschen?" werdet ihr mich fragen, denn das kleine Städtchen mit bem vom Regen unterwaschenen, schiefgetretenen Bürgersteige, seiner mangelhaften Beleuchtung kann sich doch unmöglich mit dein asphaltierten, tageshell erleuchteten Berlin vergleichen!