Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 8 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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122 zwei Birnbäumen versteckt gelegene, weißgetünchte Hänschen, mit seinen freundlichen grünen Fensterläden, seiner rvligezimmcrten Bank, ans welcher an warmen Sommerabendcn die ganze Verwandtschaft und Bekanntschaft znsannncnkam und, eifrig Stadtgespräche plaudernd, bis in die Nacht hincinsast und sich nicht eher trennte, bis der dicke Robatzkv, der Nachtwächter und Schutz des Städtchens durch lautes Tuten die elfte Stunde verkündete! Steige ich mit meinen lieben Mitschülerinnen die drei von Wind und Wetter benagten Steinstnfen empor, so gelangen wir in das mit roten Ziegelsteinen gedeckte Hansflnr, von dessen großen Querbalken eine riesige Lampe hernnterhängt; von hier führt eine breite Holztreppe nach der ersten Etage; doch erst wollen wir uns das Erdgeschoß näher betrachten. Haben >vir die mit einem Feldstein beschwerte Thür mit Mühe geöffnet und durch vorsichtiges Tappen im Dunkeln eine nicht gerade sehr angenehme Bekanntschaft mit der Ecke des Speiseschrankes vermieden, so gelangen wir in das sogenannte „gute" Zimmer, von welchem ich mir so viel sagen kann, daß cs darin sehr fein war, denn vor den grünen Plüschmöbcln, der großen Kuckucksuhr und den vielen Bildern an. der Wand hatten wir Kinder eine ehrfurchtsvolle Scheu, übrigens sah es meine Mama nicht gern, wenn wir mit dem vom Gassenschmntz bespritzten Schnhwcrk die „direkt ans Berlin" bezogenen Teppiche und Läufer verunreinigten. Doch gehen wir weiter; durch eine Glasthür gelangen wir in das Wohnzimmer. Wenn ich mich ans unser gutes Zimmer mir schwach besinnen kann, so glaube ich jedes Fleckchen unseres Familicnzimmers noch vor mir zu sehen. Seine zwei altertümlichen, von Blattpflanzen beschatteten, nach dem Hof hinansführenden Fenster, die dnnkelgebrännte Tapete, der mit großem geschnitztem Anssatz versehene Eckschrank, das alte, schwarze, vom vielen Hcrnmtnrnen zerrissene Ledersopha stehen mir noch deutlich vor Angen, und wie heute sehe ich meinen ältesten Bruder ans den an der Seite befindlichen Löchern Seegras heransznpsen und es dann mit altkluger Miene ans meines Großvaters langer Pfeife rauchen; wir Mädchen, an unschuldigere Vergnügen gewöhnt, spielen in demselben Zimmer Pnppcnhochzcit. Linker Hand lag das Schlafzimmer meiner Eltern, welches mit dem breiten Waschtische, seinen zwei Bettstellen ans Nußbaumholz und seinen weißen, flockigen, als Fnßlänser dienenden Fellen einen behaglichen Eindruck machte. Hier befand sich auch meine erste Ruhestätte, die brannpol.erte Wiege. Nach mir nahmen meine Brüder den Platz dort ein; mein größtes Vergnügen war, sie sanft in den Schlaf zu wiegen, manchmal geschah cs auch nicht so „sanft", und eines Tages warf ich die Wiege mit meinem Brüderchen um. Der kleine Unfall lief glücklicherweise ohne schlimme Folgen ab. Die nebenangelegenc Kammer, deren Fenster mit Eiscnftäbcn vergittert war, hatte nur deswegen ihr gefängnisähnliches Aussehen, weil einst Diebe von vermeintlichen Schätzen gelockt, hier einbrachen, doch zu unserer Freude und ihrem nicht geringen Ärger leer abziehen mußten. Sonst war es ein gemütlicher Raum, nur manchmal,