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Israelitischer Jugendfreund · 1895-01-01 · 8 (1895) · p. Seite 116

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Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
1 (1895)
Issue
8 (1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 116 (sequence 4)
Language
German
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116 Anspruch flcnommcn, z. B. in Heiratsangelegenheiten, vor größern Reisen, bei Bunten n. s- >v. Ter Knndschaftgeher war von Montag früh bis Freitag Abend ans den Beinen, fleißig, thätig, regsam. Bor Anbruch des Freitag Abends schloß er seine Geschäftsthätigkeit. Samstag war er — in seinem eigenen Hanse — ein König, und auch Sonntag war für ihn ein halber Feiertag. Da konnte er keine Einkäufe machen, denn alle Läden am Tandelmarkte, der außerhalb des Ghetlo's*) lag, waren an diesem Tage geschlossen, und auch seine Knuden mochte er am Sonntag nur dann besuchen, wenn er ausdrücklich bestellt worden war. Unser Knndschaftgchcr hieß David Leb Magdeburger. Aber haben wir euch schon gesagt,.wie David Leb Magdeburger ansgesehen hat? — nicht? — da müssen wir'S gleich nachholen, denn wir lieben es, wenn man die Helden unserer Erzählungen so recht vor Angen sieht. Der bloße Name! man weiß ja gärnicht, was man sich unter David Leb Magdebnrgcr vorstellen soll! ist er jung oder alt? mager oder dick? klein oder groß? — also daß ihr's nur wißt, David Leb Magdeburger war von allen dem nichts, sondern er war ein Mann von fünfzig Jahren, mittelgroß, von mittlerer Stärke, mit einem gesunden roten Gesichte, um welches von einem Ohrläppchen zum andern ein Rnndbart lief, der eben so wie das Haupthaar, schon einzelne graue Stellen anfwies. Obwohl er ziemlich gute Angen hatte, pflegte er sich doch, namentlich au Sabbathen und Feiertagen ans geheimer Eitelkeit eine schwarze Hornbrille znznlegen, weil er sich cinbildete, diese Znthat verleihe ihm eine gewisse Würde, ein feines nobles Aussehen. Was das Porträt seines Geistes und Gemütes anbelangt, war er ein strengfrommer Jude, ein ehrlicher Mann. Doch dürfen wir als gewissenhaste Berichterstatter nicht verschweigen, was der scharfsichtige Leser auch ohne unsere Andeutung ans dem Laufe der wahrheitsgetreuen Erzählung heranslesen würde, daß David Leb Mcigdebnrgcr ein sehr unwissender ltitb auch mit Geistcsgaben nicht allznreich gesegneter Mann war, und daß, wenn wir gezwungen würden, ein Urteil über ihn abzngeben, wir ihn mit reinem Gewissen als das bezeichnen müßten, was man heutzutage einen ehrlichen, braven, aber dummen Kerl nennt. Es war auch gerade ein Sonntag, den Leb Magdeburger für verschiedene häusliche Verrichtungen bestimmt hatte. Eben hatte er einen tüchtigen Topf Kaffee mit zwei eingebrockten Semmeln geleert, das Tischgebet gesprochen und seiner Frau Dina — Kinder hatte er nicht — eine ganze Reihe nützlicher und lobenswerter Thätigkeiten anfgczählt, denen er sich hinzngeben beabsichtigte, als ein rotbäckiges, blondzopfiges Mädchen von etwa 14 Jahren eintrat. „Ah, Mamsell Marinko!" rief Frau Magdeburger, „schau, was für ein Gast am frühen Morgen! das wird heute ein glücklicher Tag werden, wenn früh ein so schönes Mädel ins Zimmer tritt .... Setzen Sie sich doch Mamsell Marinko, *) Ghetto — ein früher den Juden in Prag angewiesener Stadtteil.

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