Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 11 (1936)
- Issue
- 11 (8.1936)
- Date
- 1936-08-01
- Page
- Seite 128 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 128 Nr. 11 nämlich etwaige „fürstfällige Sollicituren". Als 1617 nach der Beendigung des Fettmilch-Aufstandes die ersten 40 Frankfurter Familien wieder zurückgekehrt sind, aber wegen der Kleinheit der Gemeinde noch keinen Rabbiner anstellen können, trifft gelegentlich der damalige Friedberger Rabbiner Nathan Worms religionsgesetzliche Entscheidungen für Frankfurt. Wahrscheinlich dessen unmittelbarer Nachfolger war R. Elia Loanz, ein Enkel des Josel von Rosheim. Er war nicht nur ein bedeutender Gelehrter und Spätkabbalist und stand als solcher im Rufe, ein „Baalschem" zu sein, sondern auch Uebersetzer und — deutscher Dichter. Sein Lied „Streit zwischen Wein und Wasser" erschien auch deutsch und wurde sogar nach der Melodie des „Dietrich von Bern'' gesungen! Er war vorher Rabbiner in Fulda und Hanau gewesen und starb 1636 als Rabbiner in Worms. Wohl wieder ein Frankfurter war sein Nachfolger, R. Salomon Rothschild, zu dessen Zeit, bereits 1637, war der jeweilige Friedberger Rabbiner Vorsitzender des Hessischen Judentages, der in Gudensberg bei Fritzlar, also im Gebiet von Hessen-Kassel, tagte. Aber weil dadurch viel Geld (besonders die vom „Judenkonvent" den Mitgliedern für Nichterscheinen auferlegten Strafen) ins „Ausland" ging, erzwangen die verschiedenen Potentaten des Gebietes eine Teilung des Judentags, der nun, ungefähr von 1660 an, für die oberhessischen Juden in Wieseck bei Giessen stattfand, unter Leitung des Friedberger Ober- oder Landesrabbiners tagte, aber seit Ende des 18. Jahrhunderts nur noch aus Abgeordneten der Gemeinden bestand. Ihre alljährliche Vergütung an die einstige Tagungsgemeinde Gudensberg zahlte Friedberg aber bis 1803 weiter. 1664 wird auch das Statutenbuch der Gemeinde geschaffen, unterschrieben vom damaligen Rabbiner Joseph Katz, der vor den Mörderscharen des Kosakenhetmans Chmelnicky aus Wilna geflohen war und die Erfahrungen seiner in jüdischer Hinsicht glänzend durchorganisierten Heimat seinem neuen Wirkungskreis nutzbar machen konnte. Von seinen Nachfolgern haben noch zwei. R. Samuel Kohen Poper und R. Salome Posen, durch grosse Gelehrsamkeit ausgezeichnete Männer, enge Beziehungen zu Frankfurt. Der letzte Rabbiner der Gemeinde war Feibisch Frankfurter, mit dessen Tode das Rabbinat Friedberg 1841 erlosch. Schon einige Zeit vorher waren Titel und Würde des Provinzial-Rabbiners von Oberhessen dem Giessener Rabbiner, Prof. Dr. Levi. zuteil geworden — Mittlerweile hat sich die wirtschaftliche und damit die soziale Lage der Friedberger Judenschaft, noch schneller und mehr verschlechtert als die der Stadt selbst (s. o.) Mit sinkendem Wohlstand der Stadt steigt die Gegnerschaft der Bürger gegen jüdische Konkurrenz. Znächst wird der Handel mit Gewürzen, Barchent, Baumwolle Seide, Eisen und anderen wichtigen Waren entzogen, dann der Hausierhandel in der Stadt verboten. Die „Judenmetzger" müssen einen Kreuzer für das Pfund mehr bezahlen als die „Christenmetzger", aber sie müssen es um 1 Kreuzer billiger verkaufen. Seit 1759 dürfen sie auch vor Simon Judä (28. 10.) kein „Schafvieh" und vor Fastnacht keine Kälber Schächten lassen, sondern sind auf die gewiss nicht selbstlose Gefälligkeit ihrer christlichen Berufsgenossen angewiesen. Andere Handwerke dürfen die Juden nicht üben noch lernen, weil die christlichen Handwerker schon jetzt schwer zu kämpfen haben. Ueberdies wohnen sie in der Judengasse, „wie Heringe zusammengepackt". Nur dadurch, dass sie sich „gegen mässige Abgabe" auf dem der Burg gehörigen, zwischen dieser und der Judengasse liegenden „Freiheitsplatze" erholen können, kommt es, so meint ein Friedberger Patriot und Schriftsteller noch 1788, „daß sich so viel Krankheiten bei unseren Juden nicht erzeugen, als man in anderer Rücksicht sicher bei ihnen vermuten sollte." Die so geplagte Gemeinde hatte damals ausserdem noch 1.70 Gulden jährlich für die vielen hunderte von ,,Betteliuden" aufzubringen, die die Stadt jährlich durchzogen. Der Patriot verlangt die Erziehung der Juden vor allem zum Handwerk, ist aber schon zufrieden, wenn den jüdischen Handwerkern dann erlaubt würde, nur für die Juden zu arbeiten.' Friedberg zählt damals 468 Juden gegenüber 2179 Christen in Burg, Stadt und Vorstadt. Die Einverleibung in Hessen - Darmstadt brachte Erleichterungen und allmähliche Gesundung der Gemeinde.. Ihren einstigen Glanz gewann sie nicht mehr. Sie tendierte, trotzdem sie nun hessisch war, bis auf den heutigen Tag, zur altersher befreundeten Frankfurter Gemeinde. Die Jeschiwah war längst geschlossen, aber der Trieb zur Gelehrsamkeit war noch wach. Zur Zeit des letzten Rabbiners der verhältnismässig kleinen Gemeinde leben noch 2 Privatleute mit dem Rabbinatstitel (morenu) in ihr: Mayer J. Hirsch, ein Kaufmann, und der Mohel Seligmann Gröde. Die Lehrer der Gemeinde führen die Tradition würdig fort; vor allem der gelehrte Heinrich Ehrmann, um die Erforschung der Geschichte seiner Gemeinde mit Erfolg bemüht, sowie der heutige Lehrer Alfred Selig. Um 1900 zählt Friedberg wieder 500 Juden, 1930 noch 380, z. Zt. 64 Familien mit kaum noch 200 Seelen, deren Zahl rapid abnimmt. Das letzte bedeutende Ladengeschäft in jüdischen Händen verkauft aus, eine einzige Fabrik ist noch in jüdischen Händen. Die Frage der Jugend ist nicht: Auswandern, sondern: wohin? Im Weltkrieg opferte die Gemeinde 21 Söhne dem Vaterlande. — Die Gemeinde besitzt als ältesten Verein die C h e wr a s Gerailus C h a s s o d im, die nächstes Jahr ein Viertel- Jahrtausend besteht; eine Chewra Kadischa, die sogenannte Kabronim-Kippe, deren Gabhoim (Vorsteher) 1764 ein schönes Sefer-Thora stifteten, und einen auch schon über 100 Jahre alten „Holzverein". Dagegen wurde der „Neue Krankenverein" von 1798, der in Wirklichkeit eine ganz modern arbeitende Krankenkasse war, vor etwa 20 Jahren aufgelöst. Eine jüdische Volksschule wird vorbereitet. SEHENSWÜRDIGKEITEN. Die Judengasse, deren Namen jüngst geändert werden sollte, aber glücklicherweise infolge Einschreitens von Prof. Ferdinand Dreher bestehen blieb, und der Judenplacken, die zusammen das Ghetto bildeten. — Das berühmte Judenbad, Judengasse 20, ein äusserlich unansehnlicher, innen imposanter frühgotischer Bau, voll Kühnheit und Schönheit. Beschreibung und Geschichte von Prof. Emil Hirsch s. A„ einem Friedberger Kind. Sachverständige Führerin Frau Kahn. Die schadhaft gewordene elektrische Beleuchtung des Bades sowie das sehr praktische Oberlicht des Badeturmes werden demnächst wieder hergestellt. Das Bad, das übrigens schon seit 130 Jahren seinem Zweck nicht mehr dient, galt lange Zeit als altes Römerbad, und wurde — welch ein einzigartiges Schicksal für eine Mikwah! — Von einem christlichen Deutschen namens Gerning in dem längst vergessenen Buche „Die Heilquellen des Taunus" 1814 durch folgende recht gute Ode besangen: Lass', o Muse! zuletzt dem unermüdlichen Blicke Friedbergs alternde Burg schimmern, von Rittern umwohnt, Oestlich dort, wo sich sanft die Taunuskette hinabsenkt, Und den Gebirgspass schliesst, welcher so malerisch prangt. Börner gründeten sie, von Teutschlands mächtigen Kaisern Trägt sie bewahrend hinfort Nam' und verloschenen Ruhm! Römischen Anbau zeigt und Carolingische Hoheit Dort im Geklüft ein Bad, zierlich in Säulen u m r e i h t. Eine Tafel mit der Aufschrift „Römerbad" ist der Aufschrift „Historisches Bad" gewichen. Leider ist unter den Besuchern dieser architektonischen Berühmtheit nur eine verschwindend geringe Anzahl Juden. Die Synagoge, Judengasse 4, mit einem Zugang auch von der Kaiserstrasse 8 her. Wahrscheinlich noch die alte des Mittelalters, ursprünglich ein Rundbau, später nach Süden und Norden zu rechteckiger Grundfläche erweitert. Letzte Erneuerungen 1846 und 1881. Seitdem hat die Synagoge etwa 320 Sitzplätze. Die gotisierende Umrahmung des Aron Hakodesch befremdet etwas. — Das Hekdesch am Judenplacken, ursprünglich wohl Krankenhaus, später Herberge für durchreisende Arme, heute Privathaus. — Das Städtische Museum, Haagstrasse 16, (Eingang Pfarrgässchen) gegenüber der Liebfrauenkirche, enthält neben sehr lehrreicher Abteilung vorgeschichtlicher Funde, einer gut geordneten heimatkundlichen Abteilung und einer ausgezeichneten Heimatbibliothek eine Reihe wertvoller Leihgaben der Friedberger Gemeinde: einen Stein des ältesten Juden-